Wildschweinschwemme "hausgemacht"

"Kirrung produziert Schwarzwild", überschreibt Dr. Helmut Stadtfeld, Vorsitzender des Tierschutzbeirates Rheinland-Pfalz, seinen Artikel für die Rheinische Bauernzeitung, Ausgabe vom 19.01.2013. Die erschreckend hohen Abschusszahlen von Wildschweinen spiegelten eine intensive Jagdtätigkeit, aber auch und vor allem eine unnatürlich hohe Bestandsdichte wider. "Im Rahmen der Ursachenforschung muss es erlaubt sein, sich einmal einer Verfahrensweise zuzuwenden, die heute zur Schwarzwildjagd gehört wie der Hut zum Jäger, dem Kirren", schreibt Dr. Stadtfeld. "Kirrung bedeutet nämlich vor allem, dass in vielen Revieren der Tisch für unser Schwarzwild ganzjährig reich gedeckt ist. Das Futterangebot wiederum ist bekanntlich ein ganz wesentlicher Faktor für die Entwicklung einer Wildtierpopulation." Der Tierschutzbeirat fordert ein Verbot des Kirrens.
Lesen Sie den Artikel unter www.tierschutzbeirat.de - siehe Pressetexte vom 19.1.2013


Sind die Jäger schuld an der Wildschweinschwemme?

Studie: Mehr Jagd führt zur Vermehrung der Wildschweine

Derzeit ist in allen Zeitungen von einer „Wildschweinschwemme“, gar von einer „Wildschwein-Plage“ zu lesen. Doch obwohl in Deutschland so viele Wildschweine geschossen werden, wie noch nie seit Beginn Aufzeichnungen in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, steigt die Anzahl der Wildschweine weiter. Ist die Lösung des „Wildschweinproblems“, noch mehr Tiere zu schießen? Oder ist gerade die intensive Jagd auf Wildschweine das Problem? Denn so paradox es klingen mag: Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht wird, um so stärker vermehren sie sich. Auf diesen Zusammenhang weisen immer mehr Wissenschaftler hin. Und zu diesem
Ergebnis kommt auch eine französische Langzeitstudie: Starke Bejagung führt zu zu einer deutlich höheren Fortpflanzung und stimuliert die Fruchtbarkeit.


Die Wissenschaftler um Sabrina Servanty verglichen in einem Zeitraum von 22 Jahren die Vermehrung von Wildschweinen in einem Waldgebiet im Departement Haute Marne, in dem sehr intensiv gejagt wird, mit einem wenig bejagten Gebiet in den Pyrenäen. Das Ergebnis wurde nun im renommierten „Journal of Animal Ecology“ veröffentlicht: Wenn hoher Jagddruck herrscht, ist die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen wesentlich höher als in Gebieten, in denen kaum gejagt wird. Weiterhin tritt bei intensiver Bejagung die Geschlechtsreife deutlich früher – vor Ende des ersten Lebensjahres – ein, so dass bereits Frischlingsbachen trächtig werden. Auch das Durchschnittsgewicht der erstmalig fruchtbaren Wildschweine ist bei hohem Jagddruck geringer. In Gebieten, in denen wenig Jäger unterwegs sind, ist die Vermehrung der Wildschweine deutlich geringer, die Geschlechtsreife bei den Bachen tritt später und erst bei einem höheren Durchschnittsgewicht ein. (vgl. Servanty et alii, Journal of Animal Ecology, 2009) Mit dieser Studie ist bewiesen, dass die starke Vermehrung bei Wildschweinen nicht auf nur vom Futterangebot abhängt, sondern auch von der intensiven Bejagung.
Lesen Sie die Übersetzung der französischen Langzeitstudie als pdf-download [4.523 KB]

Stärkere Vermehrung durch die Jagd

Durch die Jagd vermehren sich Wildtiere stärker als unter natürlichen Umständen, meint auch Prof. Dr. Josef H. Reichholf, der die Abteilung Wirbeltiere der Zoologischen Staatssammlung München leitet. Würden in einem Gebiet durch die Jagd, die ja vor allem im Herbst und Winter statt findet, viele Tiere getötet, hätten die Verbliebenen ein besseres Futterangebot. „Tiere, die gestärkt überleben, pflanzen sich im Frühjahr zeitiger und zahlenmäßig stärker fort“, sagt Reichholf. (Süddeutsche Zeitung, 28.01.2009)
Lesen Sie den Artikel: Streit um die Jagd "Befriedigung der Mordlust" in der Süddeutschen Zeitung

Der Biologe Kurt Eicher von der „Initiative zur Abschaffung der Jagd“ weist zudem darauf hin, dass Jäger durch legale oder illegale Zufütterungen und so genannte „Kirrungen“ für ein unnatürlich hohes Nahrungsangebot für Wildschweine sorgen – und damit wiederum zur Vermehrung beitragen. So hat die Wildforschungsstelle Aulendorf errechnet, dass allein in Baden-Württemberg jährlich 4.000 Tonnen Mais allein als „Kirrung“ ausgebracht werden – das sind pro erlegtem Wildschwein im Schnitt etwa 100 Kilo (!) Mais. Gerade Mais fördert nachweislich die Fruchtbarkeit von Wildschweinen.
Doch Jäger argumentieren lieber, dass die hohe Zahl der Eicheln und Bucheckern in den Wäldern verantwortlich für die Wildschweinschwemme sei. Darüber kann der Biologe Kurt Eicher nur den Kopf schütteln: „Den Tieren standen im Herbst schon immer Bucheckern und Eicheln in den heutigen Mengen zur Verfügung - früher eventuell sogar noch mehr, da der Wald gesünder war.“

Das Thema Verbot von Fütterungen und Lockfütterungen greift der BUND Naturschutz in einem aktuellen Positionspapier auf. Hierin wird auch darauf hingewiesen, dass landwirtschaftliche Kulturen bereits jetzt durch Elektrozäune erfolgreich gegen Wildschweinschäden geschützt werden.
lesen Sie das Positionspapier des BUND

Zerstörung der Sozialstruktur

Norbert Happ, der bekannteste deutsche Wildschweinkenner – selber Jäger – prangert an: „Die Nachwuchsschwemme ist hausgemacht“. Für die explosionsartige Vermehrung der Wildschweine seien die Jäger selbst verantwortlich: „Ungeordnete Sozialverhältnisse im Schwarzwildbestand mit unkoordiniertem Frischen und Rauschen und unkontrollierbarer Kindervermehrung sind ausschließlich der Jagdausübung anzulasten“, so Happ (in der Jägerzeitung "Wild und Hund", 23/2002).

Auch Wildmeister Gerold Wandel weist auf das Jagd-Problem hin: „Jetzt werden die Sauen wirklich wehrhaft! Sie wehren sich mit einer unglaublichen Zuwachsdynamik gegen den falschen, asozialen Abschuss in den Altersklassen.“ (Jagdzeitung PIRSCH 1/2004)

Kann die Natur sich selbst regulieren?

Die Natur hatte eigentlich alles hervorragend geregelt: Erfahrene weibliche Wildschweine - die Leitbachen - sorgen für die Ordnung in der Rotte und für Geburtenkontrolle. „Die Hormone der Leitbachen bestimmen die Empfängnisbereitschaft aller Weibchen der Gruppe und verhindern, dass zu junge Tiere befruchtet werden“, so der Biologe Kurt Eicher, Sprecher der Initiative zur Abschaffung der Jagd. „Fehlen die Leitbachen, weil sie bei der Jagd getötet wurden, löst sich die Ordnung auf. Die Sozialstruktur ist zerstört und die Wildschweine vermehren sich unkontrolliert.“

Ragnar Kinzelbach, Zoologe an der Universität Rostock, ist überzeugt: „Die Jagd ist überflüssig. Wenn man sie einstellt, regulieren sich die Bestände von allein.“ (Süddeutsche Zeitung, 28.01.2009)
Lesen Sie den Artikel: Streit um die Jagd "Befriedigung der Mordlust" in der Süddeutschen Zeitung

Geburtenkontrolle statt Massenmord

Jagd verursacht großes Leid in der Tierwelt: Jungtiere verlieren ihre Eltern, Eltern ihre Kinder. Selten ist das Tier sofort tot, oft ver­endet es unter grausamen Schmerzen. In vielen Fällen werden Tiere »nur« angeschossen: Sie flüchten mit zerschossenen Gliedmaßen, zerschossenen Kiefern oder heraushängenden Eingeweiden. Oft dauert es Tage und Wochen, bis sie schließlich irgendwo qualvoll verenden. - Kein Wunder, dass immer mehr Menschen dem blutigen Hobby »Jagd« ablehnend gegenüber stehen.

Wir Menschen haben die Abläufe der Natur durcheinander gebracht und das natürliche Gleichgewicht zerstört. So wird sich das natürliche Gleichgewicht sicher nicht von heute auf morgen einstellen. Hier ist Geburtenkontrolle die Lösung: Mit Empfängnisverhütung bei Wildschweinen kann den Sorgen der Landwirte effektiv begegnet werden. Die »Pille« fürs Wildschwein ist allemal eine humanere und tierschutzgerechtere Methode als der Massenmord in Wald und Flur!
Lesen Sie den Artikel "Geburtenkontrolle statt Massenmord" von Lovis Kauertz, Wildtierschutz Deutschland e.V. im Magazin Freiheit für Tiere 4/2011



Wildschweine: Jagd funktioniert nicht

 



Jagd in Saufängen:
Jäger gestehen ein, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind - Jagd funktioniert nicht


Von Mario Natale, Dipl.-Ing. für Forstwirtschaft und kommunaler Revierförster im Saarland

Wie Tierschutzkreisen bekannt wurde, bestehen aktuell Bestrebungen aus Kreisen der Jägerschaft dem Schwarzwild (Wildschweinen) mit der Fangjagd zu begegnen. Missionare sind in dieser Angelegenheit bereits bundesweit unterwegs und machen in Politik und Verbänden Propaganda für Tötungsmethoden, bei denen Wildschweine in Gatter (sogenannte Saufänge) oder auch kleinere Fangboxen mit Futter gelockt oder getrieben werden sollen, wo sie irgendwann erschossen werden. Auch konservative Jagdverbände preisen derartige Tötungsmethoden bereits kleinlaut an, obwohl sie nach geltenden Gesetzen verboten sind. Nachdem die Fallenjagd auf kleine Raubtiere in der Vergangenheit immer unbedeutender wurde, soll diese nun nach der Vorstellung von Jägern auf eines unserer größten in Deutschland lebenden Wildtiere Anwendung finden, nach dem Selbstverständnis der Jäger natürlich gepaart mit dem Todesschuss aus einer Jagdwaffe. Dass die bisher durchaus fortgeschrittene Diskussion nicht offen sondern überwiegend heimlich geführt wird, spricht für sich. Die Jäger gestehen mit dieser Forderung schließlich selbst ein, dass sie es nicht verstehen die Wildbestände mit der Jagd zu regulieren. Ihr Argument, dass sie als Raubtierersatz fungieren müssen und können, widerlegen sie damit letztendlich selbst. Derartige Methoden haben absolut nichts mehr mit Jagd im bisherigen Sinn zu tun, sondern stellen einen scheinbar verzweifelten letzten Akt der Massenschädlingsbekämpfung dar. Paradox erscheint, dass gerade auch selbst ernannte Ökojäger diese Methode teilweise propagieren, wo sie doch bei der Massenjagd auf Reh- und Rotwild immer wieder eine angeblich große Effizienz von Treib- und Drückjagden vorgaukeln.

Der Widerspruch unterstreicht, dass die menschliche Jagd nicht funktioniert: Unter den Augen der Jäger vermehren sich die Wildbestände so sehr, dass man nun scheinbar verzweifelt zu tierschutzwidrigen Exekutionsmaßnahmen greifen will. Statt der Flinte wird die bisher hoch gepriesene Waidgerechtigkeit ins Korn geworfen. Die erst genannte Alternative wird allerdings erst gar nicht geprüft, mutmaßlich motiviert durch die eigene Freude am Töten und scheinbar mit dem Ziel wenigstens noch einen Schuss aus einer Waffe auf gefangenes Wild abgeben zu dürfen. Dabei könnte aber gerade ein generelles Jagd- und Tötungsverbot natürliche Regulierungsmechanismen des Wildes wieder in Gang setzen, die bisher durch die menschliche Jagd ausgeschaltet wurden. Die Jagd greift in Sozialstrukturen des Wildes ein, was meist kontraproduktiv eine Vermehrung fördert, genauso wie im gesamten Land flächendeckend dargereichte Futtermittel zum Anlocken. Auch die Vergrämung aus ihren natürlichen Lebensräumen und aufgezwungene Wanderungen führen zur Verbreitung und Vermehrung. Eine natürliche Sterblichkeit wird meist ausgeschaltet. Würde man die Schwarzwildbestände im Gegensatz zur geplanten Bekämpfung jedoch ab sofort über mehrere Jahre flächendeckend nicht mehr bejagen, aber auch gleichzeitig nicht mehr „hegen“, würde sich eine natürliche tragbare Situation einstellen, welche unterhalb des heutigen Niveaus liegen würde.
Wichtig wäre, dass absolut keine jagdlichen Ausnahmen erfolgen dürften, da jegliche Eingriffe kontraproduktiv wären. Beutegreifer (Raubtiere) werden hierfür ebenfalls nicht benötigt, da sie auch in der Natur nicht die Aufgabe der Bestandesregulierung wahr nehmen, was allgemein überwiegend falsch dargestellt wird. Von sensiblen Brennpunkten müssten die Tiere ausschließlich durch andere Maßnahmen ferngehalten werden, was durchaus funktioniert. Die Grenzen für eine weitere natürliche Populationsentwicklung sind jedenfalls längst erreicht. Saufänge würden nur eine weitere Reproduktion ankurbeln und das Problem nicht lösen. Massentötungen ohne Selektion nach den Gesetzen der Natur wirken sich zudem negativ auf die genetische Substanz der Wildbestände aus. Eine unblutige Alternative fordert aber, dass sich auch die nicht jagende Allgemeinheit ihrer eigenen Verantwortung für unser heimisches Wild bewusst wird und die Kosten für mögliche Schäden mit trägt. Wenn sie Abwrackprämien für intakte Autos mitträgt, sollten Investitionen in die Zukunft der Natur und des Wildes nicht von vornherein tabu sein. Wildschäden dürfen bei einem Jagd- und Tötungsverbot schließlich weder den Jägern noch den Landwirten angelastet werden. Wildtiermanagement sollte im Rahmen dieser Entwicklung mehr staatliche Aufgabe werden. Die Richtung dürfen dabei aber nicht wieder befangene Jäger im Staatsdienst bestimmen.

Mario Natale, Saarlouis, 16.10.2012



Die Ursachen der Wildschweinschwemme

Mehr Jagd macht Wildschweine früher reif
Wissenschaftliche Studien zeigen: Jagd ist kontraproduktiv


So süß die Frischlinge sind, so viel Ärger können ausgewachsene Wildschweine bereiten. Der Vermehrung der Tiere ist schwer beizukommen, zumal sich Jagen als kontraproduktiv erwiesen hat.
Intensive Bejagung scheint aber kein Ausweg zu sein, wie wissenschaftliche Studien nun zeigen. (...)
Zwar hätten verschiedene europäische Regionen noch recht unterschiedliche Populationsdichten vorzuweisen, doch die Zuwachsraten seien fast überall die gleichen. (...)
Über die möglichen Ursachen der Schwarzwildschwemme streiten sich Biologen, Jäger und Tierschützer schon seit Jahren. Letztere behaupten, dass vor allem die Wildfütterungen der Jäger Schuld seien. Tatsächlich werden zum Beispiel in Südwestdeutschland Wildschweine mit durchschnittlichen Futtermengen von mehr als 100 kg jährlich pro geschossenes Tier praktisch gemästet. (...)
Ein weiterer Kritikpunkt von Jagdgegnern bezieht sich auf den Abschuss selbst. Erhöhter Jagddruck, so die Tierschützer, bringe das Sozialgefüge der Wildschweinrotten aus dem Gleichgewicht und fördere so eine übermäßige Fortpflanzung, weil in Ermangelung von älteren "Bachen" - Muttertieren -
die jungen Säue frühreif gedeckt würden. Allerdings ließ sich diese These bislang kaum wissenschaftlich untermauern. Die Debatte dürfte nun aber neu befeuert werden.
Laut einer aktuell publizierten französischen Langzeitstudie scheint starke Bejagung durchaus die Fortpflanzungsfähigkeit zu stimulieren. In einem Waldgebiet im Departement Haute Marne erreichen deutlich mehr Jungsäue vor dem Ende ihres ersten Lebensjahres die Geschlechtsreife und werden trächtig, als dies zum Beispiel bei ihren Artgenossen in den
Pyrenäen der Fall ist. Dort sind weniger Jäger unterwegs (vgl. Servanty et alii, Journal of Animal Ecology).
Das Durchschnittsgewicht der erstmalig Fruchtbaren ist bei den untersuchten französischen Säuen ebenfalls geringer. (...)
Der Standard, Printausgabe, 16.09.2009

-------------------------------

Wildschweine wehren sich gegen den falschen, asozialen Abschuss

„Jetzt werden die Sauen wirklich wehrhaft! Sie wehren sich mit einer unglaublichen Zuwachsdynamik gegen den falschen, asozialen Abschuss in den Altersklassen....
Diese Fehlabschüsse führen bekanntlich zur unbehinderten Vermehrung des Schwarzwildes. Wollen wir wirklich die Vermehrung noch stoppen, dann müsste unter anderem für drei Jahre der Abschuss der Keiler und großen Bachen untersagt werden. Das wäre dann ein realer Schutz der wichtigsten Leitbachen, sie würden wieder eine soziale Ordnung in den Wildbestand bringen. Aber hat die Jagd noch die Kraft, wildbiologische Erkenntnisse durchzusetzen – oder lässt sie sich in die Schädlingsbekämpfung treiben? Jagd und Jäger verlieren ihr Ansehen...“
Wildmeister Gerold Wandel in Jagdzeitung PIRSCH 1/2004

-------------------------------

Zerstörung von Sozialstrukturen

"Abschließend muss grundsätzlich die Frage erlaubt sein, was wir im Zusammenhang mit der Schwarzwildhege denn nun eigentlich wollen? Bei allen jagdlichen Freuden, die uns das Schwarzwildbeschert, sind wir leider nicht in der Lage - und zwar republikweit -, so mit den Sauen umzugehen, dass man von sozialbiologischstabilen Beständen sprechen könnte.
Trotz Schwarzwildringen, Hegegemeinschaften und Ähnlichem, die bedauernswerterweise häufig nur auf dem Papier funktionieren, kann wohl gegenwärtig kaum irgendwo der Nachweis einer nachhaltigen Altersklassenhege erbracht werden. Dazu gehören eine befriedigende Anzahl an Leitbachentypen und reifen Keilern (ab 5 Jahre). Wo bleibt die Verpflichtung nach § 1 BJG zur Hegepflicht?
Unsere Schwarzwildbestände sind (oder waren sie?) hoch, sozialbiologisch desorganisiert, in ihrer Struktur eher "Kindergärten"! Der Begriff asozial ist wohl am treffendsten, denn die Sozialstrukturen sind zerstört.
Reife Keiler sind die seltene Ausnahme, "Kinder gebären Kinder" und die damit provozierte Verzwergung der Bachen schreitet dramatisch fort.
Wir Jäger (!) haben dabei zudem einen Schwarzwildbestand geschaffen, der höchst anfällig ist."
Auszüge aus einem Kommentar von Hans-Joachim Duderstaedt in der Dezemberausgabe 2006 der Jägerzeitschrift PIRSCH

-------------------------------

Leitbachenabschuss – größtmöglicher Fehler von jägerischer Seite

Der Kreisjägermeister machte in seinem Vortrag mehrfach deutlich, dass ohne die Kenntnisse der Verhaltenspsychologie innerhalb einer Wildschweinrotte weder eine erfolgreiche Jagd noch ein erfolgreiches Wildmanagement möglich seien.
Klaiber machte das am Beispiel der Leitbache deutlich, die die Rotte führt. Als einen der größten möglichen Fehler von jägerischer Seite stellte Klaiber den Abschuss dieser Leitbache dar. Zu den Aufgaben des Leittieres gehöre es beispielsweise dafür zu sorgen, dass nicht bereits die älteren Jungtiere wieder Frischlinge bekommen. Auch halte sie die älteren Jungtiere, die „Überläufer“ in Zaum und verhindere damit noch größere Flurschäden. Klaiber: „Eine reine Überläuferrotte ist so etwas wie eine Bande menschlicher Halbstarker.“ Der Jäger muss bei der Wildschweinjagd gesetzliche Vorgaben beachten. Sollte er ein Mutterschwein von den Frischlingen wegschießen, wäre das sogar eine Straftat im Sinne des Tierschutzgesetzes.
Südkurier, 4.7.2009 (Auszug)

-------------------------------

Berufsjäger: Wildschweine regulieren ihren Bestand selbst,
wenn sie in intakten Familienverbänden unterwegs sind

Helmut Hilpisch, Berufsjäger in Diensten der Hövel’schen Rentei, sieht Fehler in der Jagd und Politik: Wildschweine regulieren ihren Bestand selbst – zumindest dann, wenn sie in intakten Familienverbänden unterwegs sind. Dann sorgt ihr Sozialverhalten dafür, dass nur einzelne weibliche Tiere rauschig werden: Lediglich die älteren Bachen werden dann befruchtet. Fehlen diese älteren Bachen, werden auch jüngere weibliche Tiere schnell trächtig. Mit anderen Worten: Statt zwei alten Tieren werden fünf junge zum Muttertier – von noch mehr Frischlingen. »Es kommt immer wieder vor, dass ältere Bachen zum falschen Zeitpunkt geschossen werden«, kritisiert Hilpisch. Politisch könne das reguliert werden, indem während des Frühjahrs eine Schonzeit für adulte Bachen ausgesprochen werde. (...)
Quelle: Siegener Zeitung, 18.10.2008(Auszug)

-------------------------------

Wildschwein-Vermehrung völlig außer Kontrolle
Sozialstruktur aus Fugen geraten


Wenn Wildschwein-Babys im November durch Hessens Wälder toben, ist das kein gutes Zeichen: Sie sind zu klein für die winterliche Notzeit. In der Regel kommen Frischlinge im Frühjahr zur Welt und haben genug Zeit, sich für ihren ersten Winter Speck anzufressen. Dass in diesem Herbst noch Gestreifte unterwegs sind, liegt an der aus den Fugen geratenen Sozialstruktur der Tiere und der explosionsartigen Vermehrung. Der Landesjagdverband beklagt "die desolate Situation in den Schwarzwildrotten". Fehler bei der Jagd trugen dazu bei.
Normalerweise sorgen erfahrene weibliche Tiere, die Leitbachen, nicht nur für Ordnung in der Rotte, sondern auch für Geburtenkontrolle. Ihre Hormone bestimmen die Empfängnisbereitschaft aller Weibchen der Gruppe - in der Regel im Dezember/Januar - und verhindern, dass zu junge Tiere befruchtet werden. Männliche Tiere (Keiler) statten den Rotten nur Besuche zur Paarung ab. Vier Monate später werden die Frischlinge geboren. Fehlen Leitbachen, weil sie bei der Jagd oder Unfällen getötet wurden, löst sich die Ordnung auf. Junge Bachen sind dann schon unter einem Jahr empfängnisbereit und bekommen Frischlinge, einen Zeitplan gibt es nicht mehr. Folge laut Jagdverband: "Unkontrollierbare Vermehrung".
Allgemeine Zeitung, 11.12.2007



Geburtenkontrolle statt Massenmord

Artikel aus dem Magazin Freiheit für Tiere 4/2011

Die »Pille«: Eine humane und tierfreundliche Alternative

Von Lovis Kauertz, Wildtierschutz Deutschland e.V.

Die »Schwarzwildstrecke« - zu deutsch: die Zahl der von Jägern erschossenen Wildschweine - hat sich im Zehn-Jahresdurchschnitt in Deutschland seit dem Jagdjahr 1991/92 bis heute mehr als verdoppelt. Sie ist seitdem von durchschnittlich 211.888 in 1991/92 auf 466.963 in 2009/2010 kontinuierlich gestiegen.
Obwohl seit etlichen Jahren die Intensität der Wildschweinbejagung gemessen an den »Strecken« zunimmt, nehmen die Bestände keineswegs ab, sie werden vielmehr kontinuierlich größer. Damit wachsen auch die Klagen über Schäden aus der Landwirtschaft und zunehmend aus den Peripherien der Städte. Die Aufregung der Bauern ist mitunter so groß, dass sogar nach der Bundeswehr gerufen wird.

Einer weiteren Intensivierung der Jagd auf Wildschweine sind allerdings Grenzen gesetzt, sowohl im räumlichen Sinne (Problem der Jagd in städtischen Regionen), als auch aus ethischen Gründen sowie aus Gründen des Tierschutzes: Die Aufhebung von Schonzeiten, das Abschießen von Leitbachen, eine verstärkte Jagd auf Frischlinge und eine zunehmende Anzahl von Drückjagden stoßen nicht nur in der Bevölkerung auf Akzeptanzprobleme, auch im Kreis der Jägerschaft gibt es Widerstände.

Impfstoffe haben die EU-Zulassung - keine hormonelle Belastung

Eine Lösung, welche Landwirtschaft, Gemeinden und Städte zufrieden stellen könnte, liegt in der Empfängnisverhütung. Von der Jägerschaft wird diese Maßnahme allerdings skeptisch beurteilt. Das verwundert nicht, ist doch die Wildschweinjagd für viele Jäger »Passion« - eine Leidenschaft, die sie sich nicht nehmen lassen wollen.

Als Hauptargument gegen eine Empfängnisverhütung wird angeführt, dass mit Sexualhormonen versetztes Wildfleisch nicht mehr zum Verzehr geeignet ist. Eine zweite Befürchtung zielt auf das Szenario, dass die Pille für das Wildschwein flächendeckend ausgebracht wird, und danach die Fortpflanzung vollständig und vor allem unkontrolliert zusammenbricht.

Beide Argumente lassen sich jedoch sehr schnell widerlegen: Neuere Präparate zur Fortpflanzungskontrolle basieren nicht mehr auf Hormonen, sondern auf Antikörpern (körpereigene Eiweißmoleküle). Markterprobte Impfstoffe z.B. gegen das Hypophysenhormon GnRH haben die EU-Zulassung für die Verwendung bei Tieren, die für die Nahrungsmittelproduktion vorgesehen sind und erweisen sich deshalb als auch vollkommen unbedenklich im Hinblick auf die Verwertung des Wildbrets von geimpften Wildschweinen. Gelegentlich geäußerte Bedenken hinsichtlich hormoneller Belastungen können vollkommen aus dem Weg geräumt werden, da diese Medikamente keine hormonelle Wirkung ausüben.

Wirksamkeit durch »Retard-Mechanismen« etwa 12 Monate

Die Impfstoffe arbeiten mit Antikörpern bzw. induzieren die Antikörperbildung gegen das Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH). Dieses Hormon reguliert die Bildung der Gonadotropine, die ihrerseits die Bildung von Testosteron beim männlichen und Östrogen beim weiblichen Tier induzieren. Die Unterdrückung der Hormonproduktion im Hoden bzw. Eierstock inaktiviert die Spermien bzw. Eizellbildung. Die Dauer der Wirksamkeit wird derzeit auf ca. 12 Monate geschätzt, erfordert jedoch eine Auffrischung der Impfung nach 4 bis 6 Wochen. Diese Boos­terimpfung könnte jedoch durch den Einsatz besonderer Verpackungen (»Retard«-Mechanismen) überflüssig werden und damit auch für Wildtiere anwendbar werden.

Punktueller Einsatz in »Problemzonen«

Das Argument einer flächendeckenden Verabreichung kann ebenfalls widerlegt werden, da eine Impfung im herkömmlichen Sinne nur über den direkten Kontakt zum Tier erfolgen kann. Ein weit gestreuter Köder ist hier vollkommen ungeeignet und würde die Aufnahme der Wildschweinpille durch andere Tiere nicht verhindern können. Deshalb können Maßnahmen zur Fortpflanzungskontrolle nur punktuell (z.B. im Umfeld von Siedlungsgebieten, in Gebieten mit nachweislich hoher Wildschweindichte) durchgeführt werden.
Sichere Verabreichungsmethode

Während das Medikament bereits seit langem marktreif ist, bedarf eine sichere Verabreichung an Wildschweine (an anderen nicht frei lebenden Tierarten wurde es bereits erfolgreich erprobt) noch einer wissenschaftlichen Begleitforschung. Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) Berlin, welches die Forschung hierzu voranbringt, und Wildtierschutz Deutschland bemühen sich derzeit um einen Sponsor bzw. um die Finanzierung dieses auf etwa drei Jahre angesetzten Projektes.

Neben einer sicheren Verabreichungsmethode, die gewährleis­ten soll, dass Impfköder an bestimmten Orten kontinuierlich angeboten und ausschließlich von Wildschweinen aufgenommen werden, sind u.a. auch mögliche Auswirkungen hinsichtlich des Revierverhaltens geimpfter Tiere, deren Akzeptanz innerhalb ihrer Familienverbände und das Sozialverhalten der entsprechenden Rotten zu erforschen. Ein Monitoring kann hier beispielsweise über GPS-Halsbänder unterstützt werden.

Als wesentliche Vorteile einer Empfängnisverhütung beim Wildschwein sind zu nennen:

- Zuverlässige und tierschutzgerechte Bestandsregulierung
- Vermeidung einer übermäßigen Beunruhigung des Wildes durch intensive Bejagung (z.B. revierübergreifende Bewegungsjagden, Aufhebung von Schonzeiten, u.a.)
- Hohe Standorttreue der Wildschweine, weniger Abwanderung in Stadtgebiete
- Kein »Vakuumeffekt« (keine leeren Reviere, die durch neue Rotten besetzt werden), weniger Wanderung, weniger Wildunfälle
- Kontrollierte und konstante Bestände
- Effektive Möglichkeit der immunologischen Behandlung von Tieren (z.B. Schweinepest)
- Einsatz auch in befriedeten Gebieten (Städten) möglich.



Schweinepestgefahr durch Jäger

Wildschwein-Fütterung löst Sorge vor Schweinepest aus

KREIS PEINE. Das Veterinäramt des Kreises geht aktuellen Hinweisen nach, dass Wildschweine im Landkreis mit Schlacht- und Speiseabfällen gefüttert wurden. Das ist aus Seuchenschutzgründen verboten – im schlimmsten Fall droht die Schweinepest.

Im Januar wurde das Schweinepest-Virus bei mehreren Wildschweinen in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen. Vor diesem Hintergrund warnt das Friedrich-Löffler-Institut ausdrücklich davor, Speise- und Schlachtabfälle für Kirrungen zu verwenden – also zum Anfüttern von Schwarzwild.

(...) Die Hinweise stammen von Jürgen Streichert, Abgeordneter der Grünen im Kreistag. Er hat drei Futterstellen entdeckt: Zwei in Lengede und eine nahe des Sundern in Peine, zwischen Herzberg und dem Eixer See. Eine Futterstelle sei mit Innereien von geschlachteten Tieren, Geflügelabfällen – kritisch im Hinblick auf die Vogelgrippe – sowie Melonen und Gemüse bestückt gewesen: "Alles, was der Wochenmarkt hergibt", umschreibt Streichert das Sammelsurium.
Quelle: www.newsclick,.de, 28.02.2009

---------------------------------------

Schlachtabfälle illegal entsorgt – Bei Schweinepest wachsam bleiben

Siegburg (aho) Wie so häufig in Deutschland wurden jetzt auch im Rhein-Sieg-Kreis illegal entsorgte Schlachtabfälle entdeckt. Wie das Veterinäramt des Kreises mitteilte, entdeckten spielende Kinder am Dienstag in Wachtberg-Villip rund 240 Kilogramm Schlachtabfälle von Schweinen in einem Waldstück.
Die Fundstelle lag in unmittelbarer Nähe zu einem Schweinemastbetrieb. (...)
Aus diesem Anlass weist das Veterinäramt auf die Wichtigkeit der Seuchenhygiene und auf das Verbot der Entsorgung von Schlachtabfällen in der freien Landschaft hin. Durch die illegale Entsorgung von Schweinschlachtabfällen in der Natur ist es bereits in Deutschland zum Ausbruch der Klassischen Schweinepest gekommen, so das Veterinäramt. (...)
Quelle: http://www.animal-health-online.de, 30.1.2008(Auszug)

---------------------------------------

Schweinepest kommt aus Massentierhaltung

Die Schweinepest hat ihren Ursprung in der Massentierhaltung der Hausschweine und bedroht die Wildschweine.“
Gerold Wandel in der Zeitschrift „Pirsch“ 22/2002

---------------------------------------

Kein Fall nachgewiesen, in denen Schweinepest zuerst in Wildschweinbeständen aufgetreten ist

„Die Schweine-Intensivhaltungen sind heutzutage zweifelsfrei als das wesentliche Reservoir des Virus zu erachten, von wo aus es in Wildschweinbestände getragen wird.“
„Bisher sind keine Fälle nachgewiesen, in denen die Schweinepest zuerst in Wildschweinbeständen aufgetreten ist.“
Aus einem Gutachten des Sachverständigen Dr. Eberhard Schneider, Göttingen

---------------------------------------

Bundesministerium für Verbraucherschutz: Erreger wird von außen in Wildschweinbestände eingetragen
Epidemiologische Untersuchungen in Schwarzwildbeständen mehrerer Bundesländer in den letzten 14 Jahren haben gezeigt, dass unsere Wildschweine ad hoc kein natürliches Reservoir für Viren der KSP darstellen. Vielmehr werden die Erreger in gewisser Regelmäßigkeit in die Wildschweinbestände von außen eingetragen.
Forschungsreport 1/01 des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft