Von Dr. Eberhard Schneider, Göttingen

Öffentlich bestellter und vereidigter Forstsachverständiger mit dem Fachgebiet Jagdwesen

Ohne Visionen weitschauender Menschen wäre es um zivilisatorische Fortschritte und die Kultur der Menschheit schlecht bestellt. Visionäre bilden eine maßgebliche treibende Kraft aus der heraus neue Ziele erkannt, formuliert und schließlich angestrebt und erreicht werden. Wenn nun dieser Tage die Forderung immer lauter, immer öfter und an immer mehr Orten aufscheint »Schafft die Jagd ab!«, dann haben wir es zweifelsfrei mit genau einer solchen Vision auf dem Wege zur Realisierung zu tun. Sie entspringt einer zutiefst freiheitlichen und toleranten Geistesströmung, in der alle Geschöpfe vom mitgeschöpflichen Menschen die ihnen natürlicherweise zufallende Gleichberechtigung und ein unbestrittenes Daseinsrecht erfahren. Die dem Menschen unter der Herrschaft des anthropozentrischen Weltbildes zugefallenen Privilegien werden zwangsläufig bestritten und ihm genommen werden. So auch das nach Menschenrecht gesetzte Privileg, außerhalb der essenziellen Bedürfnisse eines Subsistenzjägers freilebenden Tiere nachzustellen, auf sie die Jagd auszuüben. Diese Zielsetzung, die ja in manchen alten und erfolgreichen Kulturkreisen längst Bestandteil der Tier-Mensch-Beziehung ist, liegt im legitimen Bedürfnis friedfertiger Menschen auf ein friedliches Miteinander aller Geschöpfe. Nun ist die Erlangung dieses Zieles realistisch geworden. Immerhin enthalten die Vereinbarungen der derzeitigen Regierungskoalition die unzweideutige Erklärung, das geltende Jagdrecht zu erneuern. Dies bedeutet zwar nicht, dass damit die friedfertige Vision erfüllt wäre, die jagdliche Verfolgung freilebender Tiere hierzulande schon bald nicht mehr erfolgen würde. Jagd wird damit nicht abgeschafft werden. Aber eine gründliche Reform des deutschen Jagdrechts, dessen Ursprung bis in das Jahr 1848 zurückreicht, als im Ergebnis der Revolution das »Jagdregal«, der Alleinanspruch der Landesherren auf die Jagd, zu Fall gebracht worden war und das dann mit dem Reichsjagdgesetz (1934) eine dauerhafte Festschreibung erfuhr, mit leichter Entnazifizierung als Bundesjagdgesetz fortbestand und als solches bis zum heutigen Tage auch nur sehr dürftige fortschrittliche Änderungen erfuhr, wird damit real. Freilich ist diese politische Absicht nicht der Ausfluss der visionären Zielsetzung vom harmonischen Miteinander. Denn die treibenden Kräfte dazu rühren eher aus der Entwicklung der ökologischen Betrachtungsweise vor allem des Zustandes unserer Wälder, die verantwortungsbewusste Forstleute - allesamt berufsbedingt der Jagd verbunden! - dazu gebracht hatten, waldschädliche Ausflüsse des Jagdwesens zu hinterfragen. Wobei es dann zweifelsfrei das große Verdienst des Journalisten Horst STERN war, der 1972 mit seinen »Bemerkungen über den Rothirsch« eine breite Öffentlichkeit informierte und die von der - erstmals geschockten und in Frage gestellten - traditionellen Jägerschaft sorgsam gehüteten Dämme ihres »Weidwerks« brüchig werden ließ. Es war schonungslos die allgemeine Aufmerksamkeit auf ein schlimmes Kapitel im Umgang unserer Gesellschaft mit Teilen unserer Umwelt und den ihr zugehörigen Tieren gelenkt worden. Allein, die bis zum Tag auf die Wahrung ihrer überkommenen, vor allem unter Reichsjägermeister Göring geschaffenen und von seinen geistigen Nachfolgern eifrig gepflegten und mit allen (!) verfügbaren Mitteln verteidigten, Privilegien bedachte Jägerschaft stellte sich seitdem wider jede Vernunft gegen Änderungen des Jagdwesens. Bereinigt man aber einmal die Ergebnisse von repräsentativen Befragungen in der Bevölkerung um den Faktor, dass oftmals bei der Frage nach der »Berechtigung des Jägers« im laienhaften Bild der Bevölkerung der Förster gesehen wird, der ja vorrangig für den Wald zuständig ist (und nur sekundär mit der Jagd befasst ist), mit dem Jäger gleichgesetzt wird und deshalb in einer Daseinsberechtigung oder gar Erfordernis gesehen wird, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit unserer Bevölkerung der Jagd zumindest sehr kritisch gegenüber steht oder sie ablehnt. Der heutige Jäger, fern jeder Erfordernis einer Subsistenzjagd zwecks Nahrungsbeschaffung sondern der puren Vergnügungsjagd nach Vorbild der historischen Feudalherrschaft frönend, hat bei der ganz überwiegenden Bevölkerungsmehrheit keine Befürworter.

Dies ist nun das Ergebnis des Zusammentreffens von sehr unterschiedlich motivierten Intentionen und Kräften, die sich auf Änderungen im Bereich des Jagdwesens richten. Das Spektrum reicht von der ökologisch (oder auch rein forstwirtschaftlich!) orientierten Betrachtung des Waldzustandes über den Natur- und Artenschutz und den Tierschutz bis hin zu den grundsätzlichen Erwartungen und Interessen der Allgemeinheit der gegenüber der Umwelt insgesamt bis zu den moralisch-ethisch begründeten Erwägungen. Freilich sind die Motivationen sehr verschieden: Im »Ökologischen Jagdverband« zusammengeschlossene Jäger verfolgen, bei manchen Gemeinsamkeiten, sehr wohl andere eigennützige Ziele als die dem »naturgemäßen Waldbau« anhängenden Waldbesitzer, dem Ablauf natürlicher Prozesse anhängende Naturschützer stimmen nicht unbedingt überein mit dem konservativen Artenschutz anhängenden Kollegen und Tierschützer setzen andere Schwerpunkte und Prioritäten, ganz zu schweigen vom Visionär der friedlichen Ko-Existenz. Doch streben sie im Grundsätzlichen einem einzigen Ziel zu, das am Ende eines prinzipiell gemeinsamen Weges liegt. Wobei, ganz nach Ursprungsmotivation, manche früher, manche später sich am Ziel sehen. Den längsten und beschwerlichsten Weg haben jene zu bewältigen, die der großen Vision folgen und an deren Durchhaltevermögen werden große Anforderungen gestellt.

Die gegenwärtige Situation, dass nicht nur die Regierungskoalition eine Vereinbarung über die Änderung des Jagdrechts getroffen hat sondern im zuständigen Ressort auch die Umsetzung vorbereitet wird, kann alle Visionäre nur ermutigen. Zugleich muss das aber auch allen Kräfte guten Willens verpflichten, den an die Reform des Jagdrechts gerichteten Forderungen immer wieder den nötigen Nachdruck zu verleihen. Wohl wird der fundamentalistisch bestimmte Gegner jeglicher Jagd sich nicht einverstanden erklären und unzufrieden bleiben dass wir es mit einer Reform des Jagdrechts zu tun haben, also sehr wohl einem Fortbestehen von Jagd und nicht mit der Abschaffung der Jagd. Realistisch muss man jedoch sehen, dass (so wie für das Naturschutzrecht u. a.) gemäß Artikel 75 Abs. 1 unseres Grundgesetzes »das Jagdwesen« in die Kompetenz der Rahmengesetzgebung des Bundes fällt. Dies zu ändern bedarf einer 2/3-Mehrheit des Bundestages. Die vorläufig sicher nicht zu erreichen ist. Insofern wird es ein Gebot des pragmatischen Vorgehens sein, Erreichbares anzusteuern, eine Etappe sozusagen auf dem langen Weg. In dieser Einsicht befasst sich seit vielen Jahren eine nicht nur fachkundige sondern auch von Ausdauer und überzeugter Beharrlichkeit geprägte Gruppe von »Jagdreformern« mit diesem »Etappenziel«. Die langjährigen Arbeiten fanden ihren Abschluss in einer öffentlich zugänglichen Fachtagung im Oktober 1999 unter der Schirmherrschaft des DNR - Deutscher Naturschutzring und der erarbeiteten »Göttinger Erklärung«. Dieser folgte die Ausarbeitung eines Grundsatzpapiers des DNR »Eckpunkte zur Reform des Bundesjagdgesetzes«, dem bis wenige unrühmliche Ausnahmen, nahezu alle im Dachverband DNR zusammengeschlossenen Naturschutz- und Tierschutzverbände zugestimmt haben. Die Ergebnisse der genannten Fachtagung und der langjährigen Auseinandersetzung mit der Thematik (und manchen Widersachern!) wurden 2002 in Buchform: »Weidwerk in der Zukunft - Die Reform des Bundesjagdgesetzes« veröffentlicht (Cuvillier Verlag Göttingen. Dort findet sich ein vollständiger Textvorschlag für die Neufassung des Bundesjagdgesetzes. So wie er im Juni 2002 dem Verbraucherschutzministerium als zuständigem Ressort überreicht wurde. Der grundsätzliche Inhalt dieses Reformtextes stützt sich zunächst auf die Anpassung des veralteten Jagdrechts an die aktuellen Vorschriften sowohl des Tierschutzrechts als auch des Naturschutzrechts und des europäischen Rechts der EU, der Menschenrechtskonvention und nicht zuletzt unseres Grundgesetzes, das immerhin seit Mai 2002 in seinem Artikel 20 a den Schutz der Tiere zum Staatsziel erklärt hat. Die »Harmonisierung« des bisherigen Jagdrechts mit den genannten rechtlichen Vorgaben ist für den Gesetzgeber zwingend und birgt für sich schon so viele Änderungserfordernisse, dass es zu einigen grundlegenden Jagdrechtsänderungen kommen wird.





Neue Inhalte

Als wesentliche Punkte fanden in den Vorschlag zur Reform des Bundesjagdgesetzes Eingang:

1. Das freilebende Tier genießt als Mitgeschöpf den besonderen Schutz des »Gesetzes zur Regelung von Eingriffen in Wildtierbestände« (»Jagd-Gesetz«).

2. Freilebende Tiere stellen als Glieder der heimischen Lebensgemeinschaften ein Naturgut dar, das im Wege der Nachhaltigkeit in seiner natürlichen Vielfalt aller biologischen Arten zu erhalten und zu sichern ist, dessen Bewahrung um seiner selbst Willen erfolgt und im Interesse der Allgemeinheit und nachfolgender Generationen liegt und der Wahrung der biologischen Vielfalt dient.

3. Jagd, als fallweise mögliche Nutzung des vom Wildtier repräsentierten Naturgutes, ist den Zielen des Naturschutzes nachgeordnet und jeder Eingriff in die Bestände freilebender Tiere steht in einer dienenden Funktion zum Natur- und Landschaftsschutz.

4. Jagd darf nur auf jene Tierarten ausgeübt werden, die in ihrem Bestand nicht gefährdet sind und bei denen aus übergeordneten ökologischen Gründen der Lebensraumerhaltung oder zur Abwehr von nachteiligen Folgen der anthropogenen Faunenfälschung bestandesverringernde Eingriffe unumgänglich sind, für deren Durchführung gegenwärtig aber keine besseren Methoden als die der jagdlichen Maßnahmen zur Verfügung stehen.

5. In Naturschutzgebieten und Nationalparken findet grundsätzlich keine Ausübung von Jagd statt. Ausnahmen darf es nur geben, wenn Eingriffe in Form jagdlicher Maßnahmen (z. B. zur Reduktion lokaler Bestände der Wildwiederkäuer) zur Wahrung der Schutzziele geboten erscheinen und keine anderen milderen Mittel zur Erlangung desselben Zweckes Verfügung stehen.

6. Die Jagd darf nur in einer Art und Weise ausgeführt werden, die für die bejagten Arten die geringst mögliche Störung verursacht und mit dem gejagten Tier nach allen Erfordernissen des Tierschutzes sachgerecht umgeht, es dem gemäß schnell und sicher tötet. Die Verwendung von Fanggeräten, die nicht der »BERNER KONVENTION« von 1979 (= Gesetz zu dem Übereinkommen vom 19. September 1987) über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume, v. 17. Juli 1984, BGBl. II S. 618) entsprechen ist unzulässig. »Wildfolge« ist zur Wahrung des Tierschutzes, der Verkürzung der Schmerzen und Leiden des verletzten Tieres generelle Pflicht und muss hinter Eigentumsbelangen zurückstehen.

7. Die Jagd soll im Zuge der bisher formulierten Pflicht zur Hege ausschließlich einen Beitrag zur Sicherung und naturnahen Entwicklung der Lebensräume und artenreicher standortheimischer Lebensgemeinschaften leisten und damit den Vorgaben der EU Rechnung tragen, insbesondere der EG-Vogelschutzrichtlinie und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

8. Die Verabreichung von pharmazeutischen oder sonst wie künstlich erzeugten oder behandelten Substanzen sowie von nicht standortgemäßem Zusatzfutter an das Wild ist nicht zulässig.

9. Als Übergangsregelung muss gelten: Bis zur tatsächlichen Einstellung der den ökologischen Verhältnissen angepassten Bestände freilebender Wiederkäuer ist bei Wildschäden im Walde grundsätzlich der Schaden an allen Baumarten zu ersetzen.

11. Die jagdliche Verfolgung von freilaufenden Haustieren ist nicht zulässig.

10. Eine Verpflichtung des Grundeigentümers als dem Inhaber des Jagdrechts zur Ausübung desselben besteht nicht.



Erläuterung dazu

Die hier kurz gefassten Forderungen an ein reformiertes Jagdrecht stellen in ihren ersten beiden Punkten eine konsequente Umsetzung des in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland festgelegten Staatszieles und des Tierschutzgesetzes dar. Sie rücken das freilebende Tiere aus der bisherigen Behandlung als ein rechtloses Objekt und verleihen dem Schutz des Tieres eine neue rechtliche Qualität. Dies äußert sich darin, dass dem Tier ein eigener Rechtschutz zukommt und es nicht schutzlos einem Nutzungsrecht unterliegt. Mit der Zuordnung des freilebenden Tieres als Bestandteil der biologischen Vielfalt wird es zugleich dem Schutz der naturschutzrechtlichen Bestimmungen zugeordnet. Dies kommt dann im nachfolgenden Punkt explizit zum Ausdruck. Dort wird zwar nicht von vornherein ausgeschlossen, dass Eingriffe in die Bestände freilebender Tiere erfolgen und die in diesem Zusammenhang getöteten Tiere auch einer weiteren Verwendung durch Menschen im Sinne einer wirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden. Dass solche Eingriffe dem Prinzip der Nachhaltigkeit (was einer späteren Erläuterung vorbehalten sein soll) unterliegen, somit zum Beispiel alle ziehenden Arten von solchen Eingriffen ausgenommen sind, geht aus der vorausgehenden Forderung hervor und leitet über zum nachfolgenden Grundsatz: Dass grundsätzlich die Bestandessituation der betroffenen Tierart bekannt sein muss und dass in ihrem Fortbestand gefährdete Arten keine solchen Eingriffe erfahren dürfen. Ansonsten sind vor der Durchführung die Erfordernisse zu prüfen und belegt sein, dass höherwertige Gründe diesen Eingriff als geboten und unabwendbar erscheinen lassen. Dass nach einem Eingriff die Erfolgskontrolle zwingend ist, bei ausbleibendem Erfolg eine etwaige Wiederholung ausgeschlossen ist, ergibt sich als Konsequenz daraus.

Als folgerichtig ergibt sich nun das grundsätzliche Verbot der jagdlichen Verfolgung von Wildtieren in den Schutzgebieten. Naturschutzgebiete und Nationalparks bieten allen Pflanzen und Tieren Schutz. Davon kann es keine Ausnahme geben, denn jede Art, jedes Individuum ist Bestandteil der in einem Schutzgebiet den nötigen Schutz findenden Lebensgemeinschaft. Da gibt es keine besonders oder weniger schützenswerten Arten oder Individuen. Sofern auf Grund besonderer Entwicklungen oder Zielsetzungen eine Erfordernis zu einem Eingriff in einen Tierbestand erkannt wird, kann dies ausschließlich aus dem Blickwinkel der Schutzziele beurteilt werden und ist dementsprechend nach dieser Maßgabe erfolgen.

Nach unserem heutigen Kenntnisstand stellt die Jagd unbestreitbar den größten Stör- und Beunruhigungsfaktor für freilebende Tiere dar. Keine andere vom Menschen verursachte Beeinträchtigung verursacht mehr Störung für die Tiere. Somit kann es nur die konsequente Maßnahme sein, die Zeitabschnitte, in denen unerlässliche Eingriff durchgeführt werden, strikt zu begrenzen. Wohl weltweit ziemlich einmalig ist unsere derzeitige Regelung von Jagdzeiten, die sporadisch den einzelnen Arten oder bestimmten Bestandsangehörigen in einer ?Schonzeit? Schutz vor direkter Verfolgung einräumen. Denn nach geltenden Rechtsvorschriften besteht gegenüber irgendeiner Art stets eine Jagdzeit. In Deutschland herrscht de facto über das gesamte Jahr irgendeine Jagdzeit. Im Ergebnis heißt dies aber, dass die vom Jäger ausgehende Störung des gesamten Wildtierbestandes auch das ganze Jahr über präsent ist. Dies kann nur über eine Begrenzung der Zeiten der Nachstellung auf minimale Zeitabschnitte erfolgen, was dann auch die Jäger zu effizienter Bejagung zwingt, statt vorwiegend als unerträglicher Störfaktor in den Wildtierlebensräumen aufzuscheinen.

Dass im Fall der Tötung eines Tieres die Vorgaben des Tierschutzrechts strikt einzuhalten sind, sollte für den Jäger auch heute zwingend sein. Ist es in der Praxis jedoch nicht. Die Tötung der Tiere findet zumeist mit der Schusswaffe statt; jedoch ist die Schießfertigkeit zahlreicher Jäger so unterentwickelt, dass jährlich weit mehr als eine Million Tiere keineswegs sofort den erfahrenen Schussverletzungen erliegen sondern erst mehr oder weniger lange Zeit später. Oftmals nach langem von Schmerzen geprägten Leiden und Siechtum. Die Konsequenz für die künftige Praxis muss sein, dass in regelmäßigen Abständen Jäger auf Schießanlagen mit ihren Schüssen auf Zielscheiben und Attrappen ihre Befähigung nachzuweisen haben. Nur hinreichend geübte Schützen vermögen auch den Erfordernissen der sachgerechten und schnellen Tötung gerecht zu werden. Nicht anders ist es mit den Fanggeräten zu sehen, deren Typenvielfalt Legion ist. Die Konvention von Bern verlangt, dass ein Fanggerät selektiv wirkt, also nur Individuen jeweils bestimmter Arten einfängt. Zum anderen muss die Falle das Tier entweder sofort sicher töten, was wegen der individuellen Unterschiede in der Körpergröße und in der jeweils unterschiedlichen Fangsituation niemals gewährleistet ist, oder das eingefangene Tier muss unversehrt bleiben. Die Unversehrtheit steht aber in einem direkten Zusammenhang mit der jeweiligen Verweildauer des eingefangenen Tieres in der Falle, seinem individuellen Zustand von Hunger, Durst, den Wetterbedingungen u.a.m.. Früher oder später nach dem Einfangen wird ein Tier in der Falle unruhig, versucht sich zu befreien und zieht sich dabei Verletzungen zu, kommt in vielen Fällen dann leidvoll zu Tode. Der Berner Konvention gerecht werden kann nur eine große Fanganlage, in der Tiere lebend eingefangen werden dadurch dass der in der Nähe ausharrende Fänger selbst das Verschließen der Falle auslöst und dann auch alsbald die Tiere aus der Falle entnimmt. - Die Mehrzahl unserer Jäger wird dazu kaum in der Lage sein. Dass verletzte Tiere, gleich ob durch jägerische Einwirkung oder sonst wie zu Schaden gekommen, ausschließlich dem Recht eines Dritten zur Verfolgung des Tieres unterliegen wenn sie in ein anderes Jagdgebiet gelangen - wie es nach derzeitiger Gesetzeslage sich darstellt - wird den Geboten des Tierschutzes nicht gerecht. Hier muss die Duldungspflicht der sogenannten Wildfolge unabhängig von Jagdgebietsgrenzen zwingende Rechtsvorschrift werden.

Die beiden anschließenden Vorgaben bezüglich der jägerischen ?Hege? freilebender Tiere, wogegen von der Sache her ja nichts einzuwenden ist, da alle unsere Wildtiere in einer vom Menschen beeinflussten Umwelt leben und ungünstige Entwicklungen und Situationen auch im Zuge sinnvoller Hege gebessert werden können, lenken aber die bisherige Praxis in eine sachgerechte Bahn. So wie auch das heutzutage in unerträglichem Ausmaß von Jägern betriebene regelrechte Mästen der jagdlich begehrten Tiere, oftmals mit äußerst tierquälerischen Folgen bei der Verabreichung unverträglicher Futtermittel verbunden, der Anstellung bedarf.

In der Einsicht, dass mit einer gesetzlichen Neuregelung nicht umgehend auch die angestrebten naturnahen Verhältnisse sich einstellen, wird mit den Ausführungen bezüglich eines Schadensersatzes für Beschädigungen an forstlichen Kulturen durch übermäßig hohe Wildbestände Rechnung getragen. Solche überhöhten Wildbestände existieren derzeit leider vielerorts noch immer als ein Ergebnis der übertriebenen »Hege« und Waldeigentümer sind oftmals vom an sich jagdgesetzlich geregelten Wildschadensersatz ausgeschlossen. Wobei jedoch davon auszugehen ist, dass nach Umsetzung der gesetzlichen Neuregelungen sich die Verhältnisse neu einstellen werden und die bisherigen Beschädigungen des Baumjungwuchses auf ein natürliches Maß zurückgehen und Schadensersatzregelungen hinfällig werden.

Ebenso Bestandteil der bisherigen jagdlichen Hegepraxis ist das Verfolgen frei laufender Haustiere, »wildernder« Hunde und Katzen, denen - weil sie angeblich dem Jagdwild schädlich seien - mit Schusswaffen, Fallen oder speziell zum »Würgen« von Katzen abgerichteten Jagdhunden und sonstigen dubiosen Mitteln verbohrten Hasses nachgestellt wird. Dieser Ausfluss einer blindwütigen ?Hege?-Ideologie, der in höchstem Maße tierschutzwidrig und ohne jeden Respekt vor einem Lebewesen ist, bedarf dringend der Abstellung.

Eine maßgebliche Neuerung in die gesamte Konstruktion des deutschen Jagdrechts ergibt sich aus dem Urteilespruch des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) vom 29. April 1999. Eine Gruppe französischer Landeigentümer hatte dagegen geklagt, dass sie ihre Flächen den Jagdsyndikaten zur Verfügung stellen müssen obwohl es ihrem Willen nicht entspricht, dass dort auf Tiere gejagt wird. Der EGMR hat dazu festgestellt, dass es eine Menschenrechtsverletzung darstellt wenn jemand gezwungen wird, sein Eigentum zur Verfügung zu stellen für einen Zweck den er nicht billigt. Dies trifft nun gleichermaßen die deutsche Situation. Denn hier ist jeder Grundeigentümer mit einem Flurstück in der freien Gemarkung (schon nach Regelung schon des Reichsjagdgesetzes und noch immer des Bundesjagdgesetzes) Mitglied in der Jagdgenossenschaft. Die Jagdgenossen ist eine Zwangsgenossenschaft. In dieser hat zwar der Grundeigentümer ein Stimmrecht wegen der Ausübung des Jagdrechts, das ihm als Grundeigentümer ja als ein »selbstständiges dingliches Recht, das nicht begründet ist« seit der Regelung des Jahres 1848 zufällt. - Sehr geschickt haben aber später die Jagdstrategen, als heimliche Nachfolger der Feudalherren, dieses Recht ausgehöhlt. Im Zuge der Zwangsmitgliedschaft in der Jagdgenossenschaft wird nämlich der Grundeigentümer als Jagdrechtsinhaber enteignet. Die Jagdgenossenschaft setzt sich in sein ureigenes Recht und überlässt ihm lediglich das recht zu einer Stimmabgabe. Mit der Konsequenz, dass in einer Abstimmung wegen der Jagdausübung, etwa einer Verpachtung, er überstimmt wird und gegen seinen Willen sein Grundeigentum für Zwecke missbraucht wird, die nicht in seinem Sinne sind. - Diese Regelung ist natürlich die Grundlage des vielgepriesenen deutschen »Reviersystems«, das sich auf die zwangsweise gebildeten Jagdbezirke stützt. Aber dies ist nicht schicksalhaft erforderlich, denn in den meisten Ländern dieser Erde findet die Jagdausübung auf andere Grundlage statt.

Insofern wird mit der Umsetzung des Urteils des EGMR, die der Bundesregierung zwingend obliegt weil die Bundesrepublik Deutschland zu den Unterzeichnern der Menschenrechtskonvention zählt, eine schon um die Zeit 1870 eingeleitete und 1934 festgeklopfte Enteignung der Grundeigentümer mit weniger als 75 ha Land in zusammenhängender Fläche beendet. Die Umsetzung dieses Menschenrechtsurteils führt also nicht, wie die Jagdlobby den Jagdgenossen, wie die zwangsweisen Mitglieder der Jagdgenossenschaften genannt werden, einzureden bemüht ist keineswegs zu deren Enteignung. Im Gegenteil: die Grundeigentümer erfahren damit endlich ihr Selbstbestimmungsrecht und entscheiden dann selbst über die »jagdliche Nutzung« ihres Eigentums.