DIE ZEIT, Leben 06/2002

von Mark Spörrle


Die Jagdsaison geht zu Ende. Und wieder hat das Waidwerk nicht nur Tiere zur Strecke gebracht: Drei bis acht Jägersleute werden jedes Jahr erschossen, einige hundert werden durch verirrte Kugeln und Schrothagel verletzt. Den letzten, einen Rechtsanwalt und Notar, erwischte es Mitte Januar bei einer Treibjagd in der Nähe von Limburg. Wie es dazu kam, dass einer seiner 20 Jagdfreunde den Hobbyjäger am hellichten Mittag mit einer Kugel niederstreckte, ermittelt nun die Polizei.

Die menschlichen Verluste lagen auch diesmal im gewohnten Rahmen: Drei bis acht tödliche Jagdunfälle erfassen die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften pro Jahr - die Jagdverbände führen tunlichst keine Statistiken über Ungeschick und Ableben ihrer Mitglieder. Eine typische Konstellation sind die drei Jäger aus Bad Driburg bei Paderborn, die im Oktober in einem Maisfeld saßen und auf Wildsauen lauerten. Es wurde dunkel, aber irgendwann sah einer der drei doch noch etwas und schoss. Es war keine Sau, es war sein Freund, der - anders als ausgemacht - durchs Maisfeld auf ihn zugekommen war. Tödliche Zwischenfälle kommen im Zusammenhang mit Schwarzwild besonders häufig vor, was an dem schlechten Image der Tiere liegt: Wühlenden Flurschädlingen darf man, anders als Hirschen oder Rehen, die ganze Nacht nachstellen, sofern das Mondlicht reicht. Was offenbar nicht immer der Fall ist, wie bei zwei Jägern, die sich um Mitternacht auf dem Hochsitz verabredet hatten. Einer kam schon um elf und freute sich diebisch, dass sich schon kurz darauf im Feld ein Schwarzkittel zeigte. Er schoss, und natürlich, es war der Kollege, der auch hatte früher kommen wollen und, getroffen, verstarb.

Klaus-Eberhard Liese, bei der Gotha verantwortlich für Jagdversicherungen, erlebt immer wieder, dass Jäger sich nicht an Absprachen halten oder eine Jagd eigenständig für beendet erklären und quer durch das Schussfeld anderer nach Hause schlendern. Überlebende berichten, dass im Vorfeld tragischer Ereignisse stets zweierlei passiere: Derjenige, der durch den Wald trampelt, kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass man ihn für ein Tier halten könnte; Tiere sind bekanntermaßen leise. Und derjenige, der schießt, kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass es etwas anderes als ein Wildschwein ist, das dort schnaufend durchs Gehölz bricht.

»Schusshitzigkeit«, diagnostiziert die bisher einzige wissenschaftliche Analyse von Verletzungen durch Jagdwaffen, sei der Auslöser bei über der Hälfte aller Jagdunfälle. Dabei trifft, so die Studie der Universität Münster, brennende Ungeduld durch langes Warten auf allgemeine Gemütshitze. Im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen fühlte sich ein 70-Jähriger auf der Pirsch von zwei dunklen Gestalten bedroht, riss die Büchse hoch und schoss, »in Notwehr«, wie er später der Polizei erzählte. Die Gestalten waren Jungrinder. Auf einer Wiese im Westerwald streckte ein Jäger zwei mutmaßliche Wildschweine mit gezielten Schüssen nieder. Erst dann merkte er, dass er zwei Ponys erlegt hatte. Bei Regensburg nahm vor Jahren ein Hobbyjäger im Wald übende Bundeswehrsoldaten unter Feuer und erschoss einen 23-jährigen Rekruten, den er für ein Wildschwein hielt.

Bei Gesellschaftsjagden lässt der Konkurrenzdruck den Jägerfinger am Abzug noch ungeduldiger werden: Haben andere Jagdteilnehmer bereits veritable Strecken präsentiert, wollen die anderen nicht zurückstehen.

Die größte Auswirkung auf die Unfallzahlen im Walde hat die Erfahrung der Jäger - allerdings eine andere, als man erwarten könnte: Die Häufigkeit der Gewehrpannen, befand die Münsteraner Studie für den Untersuchungszeitraum von 1961 bis 1992, steigt mit den Jagdjahren. Ein Effekt, den Helmut Kinsky, Geschäftsführer der Versuchs- und Prüfanstalt für Jagd- und Sportwaffen, heute noch beobachtet: »Dem erfahrenen Jäger unterlaufen viel mehr Unfälle als dem Neuling, der gerade von der Jagdprüfung kommt.«

Irgendwann als ergrauter Waidmann hält man es wohl für uncool, das Gewehr zu sichern. Hat man Glück, verliert man, wenn sich beim Stolpern im Wald ein Schuss löst, nur ein paar Finger oder den Fuß. Im November rutschte ein 46-Jähriger aus Kellenhusen samt Gewehr in einen Wassergraben, dabei löste sich ein Schuss, der ihn in den Kopf traf. Tödlich. Besonders tragisch, wenn der treue Hund das eigene Herrchen zu Tode bringt. So bei dem Jäger aus Bad Urach in der Schwäbischen Alb, der aus dem Auto stieg und sein geladenes Gewehr kurzerhand auf dem Autositz liegen ließ. Als er zurückkam, freute sich Jagdhund Bodo sehr, sprang im Auto herum, erwischte dabei den Gewehrabzug und traf genau. Besonders gefährlich für den Jagdmann ist der »Stecherabzug«, ein winziger Hebel. Hat man ihn betätigt, muss der Abzug nur noch leicht berührt werden, damit es knallt. Eigentlich soll die Vorrichtung das wackelfreie und zielgenaue Schießen auf weit entferntes Wild erleichtern. Aber es finden sich immer wieder Jäger leblos auf dem Hochsitz, neben sich die Waffe, und die Ermittler haben zu rätseln, ob es sich um Selbstmord handelt oder ob der Betreffende bloß mit dem entsicherten Gewehr in der Hand einschlief und dann unglücklich dagegenstieß.

Die Unfallverhütungsvorschrift Jagd versucht, Jäger bei Gesellschaftsjagden vor sich selbst zu schützen: Treiber haben orangefarbene Westen, Jäger ein orangefarbenes Hutband zu tragen. Doch in der Hitze der Hatz konzentrieren sich Teilnehmer mitunter fest auf die Jagdbeute, folgen ihr mit dem Gewehrlauf und drücken ausgerechnet ab, wenn der Lauf nicht nur auf den Hasen, sondern auch auf den benachbarten Schützen zeigt. So mancher Waidmann denkt auch nicht darüber nach, dass Schrot bis zu 300 Meter, eine Kugel bis zu fünf Kilometer weit fliegen kann. Verirrte Geschosse erwischen immer wieder Fensterscheiben, Traktorfahrer oder Spaziergänger.

Gelegentlich visieren Jäger vom Hochstand aus Spaziergänger oder Jogger auch mit voller Absicht an. Nicht, um zu schießen natürlich, sondern weil man das Zielfernrohr so bequem als Fernglas gebrauchen kann. Da überrascht es wenig, wenn dem einen oder anderen allzu routinierten Jäger dabei versehentlich ein Schuss abgeht. Oder vielleicht nicht ganz so versehentlich, wie es in der Lüneburger Heide geschah, wo Motorradfahrer alles Wild verjagend durchs Revier knatterten und eine Jägerskugel einen der Radaubrüder ins Bein traf. Absichtliche Schüsse verschwinden meist aus der Jagdunfallstatistik und tauchen in der Kriminalstatistik wieder auf. Für einen Mörder in spe wäre es im Hinblick auf das zu erwartende Strafmaß eventuell dennoch eine, zugegeben anstrengende Option, sich mit dem Ziel seines Hasses anzufreunden, es zur Wildschweinhatz zu überreden und den tödlichen Schuss als Jagdunfall zu tarnen. Solch ein Missgeschick zählt als fahrlässige Tötung, und wenn es für den Schützen glimpflich läuft, kommt er mit Bewährung und einer Geldstrafe davon.

Um Unfälle zu verhindern, favorisierten Experten einige Zeit das Tragen knallroter oder knallorangefarbener Kleidung, doch im vergangenen Jahr knallte ein Finne statt eines Elches seinen knallrot gekleideten Bruder ab, ein Jahr davor erschoss ein Däne einen kleinen Jungen, den er wegen dessen roten Anorak für einen Fuchs gehalten hatte.