Rede anlässlich der Int. Großdemonstration

am Ostersamtag, den 15.4.2006, in Würzburg


Was die Jagd ist

Die Jäger sagen, sie lieben die Natur und die Tiere. Aber Liebe, die das geliebte Wesen tötet, ist keine Liebe - und wenn das Liebe wäre, dann wäre es besser, es gäbe sie nicht. Was ist die Jagd also eigentlich?

Theodor Heuß, der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, gab folgende Definition der Jagd: „Jagd ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf. Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit“.

Der bekannte Psychoanalytiker Emilio Servadio schrieb: „Selbst wenn wir den Zorn gewisser Jäger, passionierter Tontaubenschießer, der Gentlemen der Fuchsjagden oder der aficionados der Stierkämpfe heraufbeschwören, können wir nicht umhin zu erklären, dass bei diesen Darbietungen Energien einer zerstörerischen Grausamkeit freigesetzt werden, und dass die `Sozialisierung´ dieser Betätigungen in einer psychologischer Abwehr besteht, durch die der Mensch sich selbst zu widerlegen sucht.“ (E. Servadio, La psicologia dell’attualità, Longanesi, Milano, 1963)

Die Psychoanalytikerin Carla Corradi hat bei einer Untersuchung von 51 Jägern in der Mehrheit der Fälle einen Stillstand der Libidoentwicklung in der oralen Phase und eine hohe Verbreitung des Agar-Sarah-Komplexes, auch „psychische Impotenz“ genannt, festgestellt. Der Name des Agar-Sarah-Komplexes stammt von den beiden Frauen Abrahams: Sarah war seine Frau und Agar seine Sklavin. Männer mit diesem Komplex spalten die Gestalt der Frau in zwei Teile: auf der einen Seite die Frau als Heilige, die an die Mutter oder Schwester erinnert, auf der anderen Seite die Dienerin oder die Prostituierte. Sex haben können sie nur mit der Frau, die sie verachten. (C. Corradi, A chi spara il cacciatore? Lorenzini, Udine, 1988)

Der renommierte Psychologe Paul Parin beschreibt in einem kürzlich erschienen Buch „Die Leidenschaft des Jägers“ persönliche Erfahrungen, in denen sich Jagd, Sex und Grausamkeit miteinander verknüpfen. Niemand hatte bis dahin mit solcher Deutlichkeit die abscheulichen Grausamkeiten der Welt der Jagd enthüllt. Nicht nur Sadismus gegenüber den nicht menschlichen Tieren, sondern auch gegenüber den menschlichen: der junge Parin wurde gezwungen, sich nackt auszuziehen, und in Anwesenheit des Vaters mit einem Lederriemen ausgepeitscht. In dem Buch werden überdies das Verhältnis von Jagd und Sex beschrieben: die Jäger empfinden beim Schießen sexuellen Reiz und der junge Parin hatte seinen ersten Orgasmus, als er, insgeheim, seine erste Beute erlegte. Auch wird in dem Buch beschrieben, wie sich Jäger an Minderjährigen vergehen, die als Jagdlehrlinge eingesetzt werden (P. Parin, Die Leidenschaft des Jägers, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg, 2003).

Ein weiterer, meist unbekannter, Aspekt der Jagd ist das Leiden des bereits erlegten Tieres. Giancarlo Ferron beschreibt in seinem Buch „Selbstmord des Rehs“ aus dem Jahr 2003 die Abscheulichkeit der Treibjagd auf Rehe. Das Reh flieht in panischer Angst, denn es spürt genau, was sein Ende sein wird, wenn es die Hunde zu fassen kriegen. Das geht sogar so weit, bezeugt Ferron, dass das Reh sich lieber in einen Abgrund stürzt, sich also selbst umbringt, als von den Hunden zerrissen zu werden (G. Ferron, Il suicidio del capriolo, Biblioteca dell’Immagine, Pordenone, 2003).

Eine Neuigkeit: Ein neues Buch von mir gegen die Jagd, welches schon beim Herausgeber liegt und in Kürze erscheinen wird, behandelt auch einige neue Aspekte der Jagd, unter anderem auch die Jagd in den Entwicklungsländern. Bis vor kurzem war man der Ansicht, die Jagd in den Entwicklungsländern sei vertretbar und nicht sehr schädlich, weil dort die Zahl der Jäger begrenzt und deren Werkzeuge primitiv seien. Aber zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen der letzten Jahre beweisen, dass die Jagd auch in den Entwicklungsländern schwere Schäden verursachen und zum Aussterben einiger Tierarten führen kann.

Eine weitverbreitete Meinung ist, eine bestimmte Anzahl von Rehen und Hirschen müsse zur Vermeidung von Wildschäden (Verbiss) in den Wäldern erlegt werden. Dass diese Behauptung unbegründet ist, weiß man seit vielen Jahren. Eine Neuheit auf diesem Gebiet ist dagegen die Tatsache, dass man sich vor eventuellen Schäden durch Wildschweine und Hirsche durch Umzäunungen (mit oder ohne Elektroband) schützen kann.

Ein weiterer Aspekt, der im allgemeinen totgeschwiegen wird, ist, dass sich bei den Wildenten die Paare im Herbst bilden und die beiden Partner viele Monate zusammenbleiben. Sie bleiben auch auf dem Vogelzug zusammen, bis zum Nestbau und zur Reproduktion. Wenn einer der beiden Partner von einem Jäger abgeschossen wird, findet der andere kaum einen neuen Partner und kann sich also in dieser Saison nicht reproduzieren. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass Weibchen, die ihren Partner verloren haben, durchschnittlich weniger Eier legen als andere.


Infos zur Internationalen Großdemonstration



 




Kurt Eicher: »Schluss mit der Jagd!«
Dag Frommhold: Appell für die Anti-Jagd-Demo