Rede bei der 55. Anti-Jagd-Demo, 01.04.2006

Kein Zweifel: Jäger haben ein besonders inniges Verhältnis zu Schusswaffen, das sich ohne Übertreibung als eine Art Liebesverhältnis beschreiben lässt. Man muss sich das einmal anhören: Wie sie schwärmen von einer bestimmten Waffe wie von einer fernen Geliebten, die sie begehren. Wenn sie nur nicht so kostspielig wäre! Ach ja, nicht jeder kann so, wie er will... Das ist wohl auch der Grund, warum sich normalerweise dröge technische Abhandlungen - wenn es um Jagdwaffen geht - so lesen als erzählten sie Geschichten über das andere (weibliche) Geschlecht.

Wehe dem, der dem Jäger den Umgang mit der Geliebten streitig machen will, in Frage stellt oder ihn gar des Missbrauchs verdächtigt! Der bekommt den geballten Zorn der Jägerzunft zu spüren. Da ist sie sich plötzlich einig. Da herrscht eine Solidarität, die, sobald es um andere jägerische Probleme geht, nur schwer herzustellen ist.. Erstaunlich!

In einem Artikel in einer Berliner Boulevard-Zeitung mit der Überschrift "Stoppt den Waffenwahn!", der erschien, nachdem ein Kind mit Papas Jagdwaffe zu Tode gekommen ist, wird die grüne Berliner Abgeordnete Claudia Hämmerling mit folgendem Satz zitiert:
"Ich weiß nicht, warum Waffen in Privathäusern aufbewahrt werden dürfen. Es geschieht oft genug, dass ein durchgedrehter Jäger auf ihm missliebige Menschen schießt."

Ach du liebe Zeit! Da haben die Betroffenen im für jeden Interessierten zugänglichen Internet-Jägerforum Schaum vor dem Mund und stellen dort ihre empörten Ein- und Auslassungen zur Schau. Über die man - wären sie nicht so schaurig - Tränen lachen könnte. Hier nur ein paar Kostproben::

"(...)mit Entsetzen habe ich Ihre Meinung zur Aufbewahrung von Jagdwaffen durch Jäger in deren Privathaushalten gelesen und frage mich ernsthaft, wessen Geistes Kind Sie entsprungen sind."

Oder:
"Dummfrau Hämmerling weiß vieles nicht, was Sie hier mal wieder unterstreicht."

Auch das noch:
Hat die ein Ei am springen?
Wie sehen solche Aussagen denn rechtlich aus? Das sollen unsere Volksvertreter sein?

Oder dies:
"Wird Zeit, das solchen Aussagen auch einmal begegnet wird. Aber hier ruhen sich die Jagd-Verbände auch gerne aus. WUT."

Ja, ja, uns ist selbstverständlich bewusst, dass man auch mit einem Besenstiel oder einem Auto Lebewesen - Tier oder Mensch - verletzen und töten kann - wie immer wieder von Lodengrünen betont wird.. Es besteht nur ein winziger Unterschied: Nur die Waffe dient einzig und allein dem Töten. Nichts anderem. Sie hat keinen anderen Zweck wie z.B. der Besenstiel oder das Auto. Wer eine Jagdwaffe benutzt, will töten. Nichts anderes! Der will damit nicht von A nach B kommen oder Zielschießen üben. Der will töten. In der Regel Tiere natürlich. Nicht selten - beabsichtigt oder nicht, müssen auch Menschen dran glauben.

Es ist eindeutig: Mit dem Jagdschein wird die Lizenz zum Töten erworben. Dass im Volksmund jemand, "der den Jagdschein hat", als nicht ganz zurechnungsfähig gilt, hat wohl - wie die meisten Volksweisheiten - einen wahren Kern. Und in der Tat wissen wir weder wieviele Psychopathen, Waffennarren oder Suchtkranke unter den Jagdscheininhaber sind, die ganz legal mit Schusswaffen hantieren dürfen. Noch wissen wir, wer unter den Jagdscheinanwärtern einzig und allein die Jägerprüfung ablegen will, damit er legal an Schusswaffen kommt. Wir wissen es nicht, die Behörden wissen es nicht, die Jagdverbände wissen es nicht - und wollen es lieber auch nicht wissen. Übrigens: außer bei Kurzwaffen gibt es in den meisten Bundesländern eine nach oben offene Waffenbesitzskala. Wer Waffen horten will, kann das tun. Er muss dafür nur die ach so schrecklich schwere Jägerprüfung, das in Jagdkreisen so genannte "Grüne Abitur", ablegen.

Ich finde das sehr beunruhigend. Zumal ich immer wieder an die Worte des
Schriftstellers und Psychoanalytiker Paul Parin, selbst leidenschaftlicher Jäger,denken muss. Er hat es auf den Punkt gebracht. Niemand kann es besser. Er sagt:

"Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo immer gejagt wird. (...) Verbote gelten nicht mehr. Wenn man über Jagd schreibt, muss man über geschlechtliche Lust schreiben und über Grausamkeit und Verbrechen."




Grußworte aus Südafrika
Ludwig Weyhe: Petition gegen Zwangsbejagung