Nach unserer Demo am Schliersee schrieb mir ein Taxifahrer: „Was seid ihr doch blöd. Alle machen sich lustig über eure Hysterie mit dem Bären, denn der Bruder von ihm wurde in Tirol ganz ruhig abgeschossen, nicht mal die Zeitungen haben berichtet.“ So muss das gemacht werden, findet der Taxifahrer aus Schliersee. Ich frage mich, ist Bayern tierfeindlich? Ist das die allgemeine Meinung der Bayern? Ich hoffe nicht!
Die Tragödie um den Bären spiegelt die ungeheure Verlogenheit unserer Gesellschaft wider. Mir tun die von Bruno gerissenen Schafe und Hühner auch leid, aber das Gejammer sogar um die von ihm verspeisten Bienen ist geradezu grotesk. Bei einem der höchsten kirchlichen Feiertage, nämlich zu Ostern, werden jährlich Tausende von Schafen umgebracht und von Menschen gefressen, besonders beliebt junge Lämmchen, gebraten am Spieß. Absolute Heuchelei also besonders angesichts des Elends der „Nutztiere“, die unter entsetzlichen Bedingungen tagaus tagein quer durch Europa gekarrt werden, um endlich, mehr tot als lebendig, im Schlachthof zu landen.
„Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben“ – so der Dichter, Pazifist und Vegetarier Leo Tolstoi.

Zurück zum Tod Brunos. Umweltminister Schnappauf gab im Umweltausschuss selbst zu, dass der Abschuss bereits geplant wurde, nachdem der Bär das erste Mal in eine Siedlung eingedrungen war. Bis zum Schluss wurde uns jedoch vorgegaukelt, man würde versuchen, den Bären zu fangen, zu betäuben und woanders auszusetzen. Eine glatte Lüge. Und bei den so genannten Experten, die gehört wurden, handelte es sich um eine ganz bestimmte Auswahl von Experten. Andere, die gegen den Abschuss waren, sind überhaupt nicht gefragt worden.
Dazu der österreichische Wildbiologe Prof. Antal Festetics: „Das Ganze ist kein Bärenproblem sondern ein Menschenproblem... Es gibt keine abartigen Bären. Jeder Bär hätte genauso reagiert wie Bruno. Der Bär tötet niemals aus Lust...“
Derselbe über die Jäger: „Dass die Jäger den Wald gesund halten, ist ein Schmarrn. Wir haben in Österreich 110.000 Jäger. Die schießen doch nicht unentwegt auf kranke Tiere. Jagd ist eine Lusthandlung.“ (Ö 3 09.06.2006).
Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung äußert sich in einer Stellungnahme vom 19. 7. 2006 folgendermaßen: „Wenn sich die Verantwortlichen auf den Standpunkt zurückziehen, der Abschuss sei aufgrund einhelliger wissenschaftlicher Meinung erfolgt, so kann das nicht unwidersprochen bleiben... Weder wurden maßgebliche Wildtierärzte aus Bayern konsultiert, noch ausgewiesene Fachleute aus anderen Teilen Deutschlands oder von dem Bärenauswilderungsprojekt in Italien zu Rate gezogen.“
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Übrigens: Der - streng geschützte – Bär Bruno ist keinem Menschen zu nahe getreten, im Gegenteil, er ist jeder Begegnung ausgewichen. Ein paar Wochen später wurde ein Rentnerehepaar beim Wandern schwer verletzt, nicht von einem Bären, sondern von Kühen. Folglich hätten diese Kühe sofort erschossen werden müssen – vorsorglich am besten gleich alle Kühe. Natürlich auch die Stiere...
In Deutschland sterben jährlich ca. 40 Menschen durch Jäger und Jägerwaffen. 800 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Gerade vor kurzem berichteten die Medien, dass ein Jäger seine halbe Familie erschoss.
Ich habe einen berühmten deutschen Schauspieler, bekennenden Jäger, gefragt, was so reizvoll daran ist, ein argloses Tier totzuschießen. Er war schon alt, krank, unförmig dick, und obwohl er kaum noch laufen konnte, ließ er sich zur Bärenjagd in den Balkan fahren. Seine Antwort: „Der (der Bär) ist schnell, der ist stark, der ist jung - der muss weg!“

Sind Jäger Lusttöter? Ein klares Ja sagt der Neurologe, Psychoanalytiker, Schriftsteller, Ehrendoktor der Universität Klagenfurt und passionierte Jäger Paul Parin in seinem Buch. „Die Leidenschaft des Jägers“: „Seit meinen ersten Jagdabenteuern weiß ich: Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo immer gejagt wird...“
Parin berichtet, wie er als Dreizehnjähriger einen Haselhahn schoss und dabei seinen ersten Orgasmus erlebte. Einige Jahre später schießt er seinen ersten Bock – seine Initiation, der Eintritt in das Leben als Mann und Jäger: „Das Jagdfieber erfasste mich immer wieder mit der gleichen Macht wie sexuelles Begehren. Das Ziel der Gier war jetzt der Mord an einer Kreatur.“

Fuchs, du hast die Gans gestohlen... Bär, du hast das Schaf gerissen... wird dich der Jäger holen... seine große, lange Flinte schießt auf dich das Schrot ....dich färbt die rote Tinte, und dann bist du tooooot...
Ich möchte schließen mit einem Gebet aus dem Buch „Gebete der Versuchstiere“:

»Wir Tiere müssen euch zu unseren Fürsprechern machen.
Denn wir können uns nicht verteidigen vor Parlamenten und Ausschüssen,
in der Öffentlichkeit und in Diskussionen, in Radio, Presse, im Fernsehen.
Wir können keinen Interessenverband gründen oder eine Gewerkschaft.
Auch eine Lobby werden wir nie haben.
Wir sind euch von Gott anvertraut seit Erschaffung der Welt.
Habt ihr durch die Jahrtausende diesem Auftrag gedient?
Habt ihr uns nicht millionenfach ausgerottet, vermarktet oder ganz einfach vergessen?
Setzt ihr euren Verstand, eure Erfindungskraft, eure schöpferischen Fähigkeiten
nicht eher ein für die Vernichtung als für die Bewahrung der Schöpfung?
Aber mit der Natur sterben auch wir, die Tiere. Und zuletzt ihr selbst, die Menschen.
Vielleicht habt ihr noch eine kleine Weile zur Umkehr.
Auch wir hoffen noch immer auf euch,
wider alle Hoffnung auf das Gute im Menschen.
Vergesst uns nicht über Wohlstand, Genuss und Vergnügen.
Es gibt ein Danach.
Und ein unbestechliches Urteil.
Ihr habt nur noch wenig Zeit!«

Mögen alle Lebewesen glücklich sein!




Präsident des Landestierschutzverbandes NRW
TATORT WALD zum Welttierschutztag 2006