von Kurt Eicher
Obwohl die Wildschweine im Augenblick dazu herhalten müssen die Jagd als solche zu rechtfertigen, ist es in Wirklichkeit gerade diese sogenannte jagdliche Hege und Pflege der Jäger, die ursächlich für diese (völlig hysterisiert hochgespielten) Zustände verantwortlich sind.
Betrachten wir zunächst die Größe und die Nachkommenzahl der Wildschweinpopulationen etwas näher. Wir kennen in einigen Teilen Europas unbejagte Gebiete mit vergeichbaren Parametern (natürlicher Mischwald, keine großen Beutegreifer, wie Wolf. Luchs oder Bär, normale jahreszeitliche Temperaturschwankungen, zyklisch vorkommende Fruchtreifungsprozesse etc.) hier liegt die Nachkommenzahl der Wildschweinrotte bei ca. 4 - 5 Frischlingen im Jahr, davon überleben das erste Jahr meist nur 2 Jungtiere. Bei uns liegt die Nachkommenzahl oft zwischen 6 und 8 Frischlingen und das erste Jahr überleben fast alle.
Die Gründe für diese signifikanten Unterschiede liegen zum einen in der Fütterung dieser Tiere in sogenannten Notzeiten, die überhaupt nirgends definiert sind und somit dem Gutdünken des Jägers überlassen bleiben und zum anderen bei der Art des Futters, welches hier »zugesetzt« wird.
Seit vor einigen Jahren in der Jägerpresse veröffentlicht wurde, dass man die Ansitzzeiten für Wildschweine um die Hälfte reduzieren kann, wenn man diese Tiere mit Futter anlockt (=kirrt), wird auch außerhalb der sog. Notzeiten eine gewaltige Menge Futter in die Natur verbracht. Durch einen Dressurakt versuchen unsere Jäger weniger intelligente Säugetiere zu überlisten (-was für eine Leistung!). Da aber die Tiere nach dem ersten Schuss diese Stelle (Kirrung) meiden, werden dann noch sogenannte Ablenkungsfütterungen notwendig. Diese Verwirrungstaktik soll die Tiere wieder »beruhigen«. Dadurch wird aber die Futtermenge nochmals gesteigert. Doch vor allem die Futterqualität hat einen signifikanten Einfluss auf die Reproduktionsrate der Schwarzkittel. Meist handelt es sich dabei um Futter mit einem sehr hohem Stärkeanteil (z. B. Mais), welcher von den Wildschweinen schnell in Zucker überführt werden kann (im Gegensatz zur natürlichen Nahrung) und damit die Ovulation der Leitbachen schon im Herbst fördernd beeinflusst.
Es sind vor allem die ungeheueren Mastfuttermengen, die jährlich in die Natur gekarrt werden, die das »Wildschweinchaos« bringen. Man kann heute davon ausgehen, dass die Futterqualität auch die seit langem zu beobachtende zweite jährliche Rauschzeit mit verursacht. (Hier sollte weiterhin bedacht werden, dass diese Tiere weder die ertragreichen Getreidearten noch den südamerikanischen Mais auf ihrem natürlichen Speiseplan haben.) Schon eine Beendigung dieser Fütterung, würde eine positive Auswirkung (= natürliche Reduktion) auf die Nachkommenzahlen und damit auf die Populationsregulation haben.
Randbemerkung: Durch die Fütterung mit Mais lernen die Wildschweine diese Nahrunsquelle überhaupt erst kennen und deshalb würde auch eine völlige Absetzung der Maisfütterung auch die eher marginalen »Flurschäden« in Maisfeldern völlig verhindern. Die Wildtiere kennen diese Pflanze eigentlich überhaupt nicht, da sie bei uns nicht heimisch und nur saisonal und lokal begrenzt anzuztreffen ist.
Die Bejagung von Wildschweinen bringt dann noch einen weiteren kontraproduktiven Faktor ins traurige »Spiel«.
In einer funktionierenden Wildschweinrotte wird nur die sogenannte Leitbache rauschig, weil sie durch eine Pheromonabgabe (Duftstofffreisetzung) bei den anderen geschlechtsreifen weiblichen Tiere, innerhalb dieses festen sozialen Gefüges, die Paarungsbereitschaft blockiert. Somit bleibt die Nachkommenzahl relativ klein und auch an das Biotop mit der begrenzeten Futtermenge angepasst.
Wird nun die Leitbache bei einer Drückjagd oder ähnlichen Jagdformen erlegt, unterbleibt die Inhibition der anderen weiblichen Tiere und alle werden zur nächst möglichen Paarungszeit rauschig. Somit explodieren die Nachwuchszahlen regelrecht und die Populationen geraten aus den Fugen, da die sinnvolle innere Regulation zerstört wurde.
Das Ende der Jagd wäre auch hier die richtige Maßnahme.
Eine weitere Störung der natürlichen Abläufe ist die Bejagung der kleinen Beutegreifer, wie z. B. Fuchs, Marder, Iltis oder Wiesel. Kranke und schwache Tiere werden vom Fuchs entfernt und diese Bereitschaft nimmt zu, wenn auf anderen Gebieten die Nahrungskonkurenz groß ist. In diesem Fall bei der Mäusejagd. Sind viele Räuber für die Mäuse da, muss sich der Fuchs auch um größere Beutetiere (z. B. Frischlinge, Kaninchen etc.) »kümmern«, wenn er überleben will und das wird er dann auch tun.
Das Ende der ständigen manipulativen Eingriffe (=Jagd) in unsere Natur hätte für alle nur positive Folgen, außer für die Jäger, die dann nur noch virtuell (=nicht existierende) Moorhühner mit ihrem PC jagen könnten...
Ergänzung: Seit kurzem gibt es auch Hinweise darauf, dass die Massentierhaltung in der Landwirtschaft ebenfalls die natürliche Selbstregulation der Wildtiere beeinflusst. Die ausgebrachten Mist und Güllemengen , aber auch die künstlich gesteigerte Reproduktion der Schlachttiere bringt unterschiedlichste Wirkstoffe in die Umwelt. Zum einen sind es Hormone, die artübergreifend wirken und zum anderen die Pheromone, also Duftstoffe, die hormonähnliche Eigenschaften haben und Einfluss auf die Populationsdynmik bei Wildtieren haben können. Da bei der Einleitung von Schwangerschaften in Masttierbetrieben diese Mittel in großen Mengen künstlich eingesetzt werden, gelangen diese unkontrolliert in die Umwelt. Viele dieser Faktoren sind aber zur Zeit messtechnisch noch sehr schwer zu erfassen.
Trotzdem kann festgehalten werden, dass Pythagoras es bereits wusste, denn er prognostizierte: »Alles was der Mensch den Tieren antut, wird auf ihn zurück kommen!«
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