von Boris Bürgel
Am 19.1.2003 wurde wieder einmal ein Wolf auf deutschem Boden von einem Jäger erschossen. Und wieder einmal war es eine Verwechslung mit einem wildernden Hund. In Wahrheit jedoch war es eine Wölfin, und sie hatte sogar einen Namen: Bärbel.
Bereits im Juli letzten Jahres machte sie Schlagzeilen durch ihren spektakulären Ausbruch aus einem Wolfsgehege bei Klingenthal in Sachsen, das eigentlich als ausbruchssicher galt. Niemand hatte vermuten können, daß der Freiheitsdrang der sechsjährigen Wölfin sogar Stahlseile zu durchtrennen vermochte. Betäubungsgewehre, Wurfnetze, automatische Lebendfallen... alles zwecklos. Bärbel lies sich nicht einfangen und trickste ihre Verfolger immer wieder aus. Der Leiter des Tierparks zog sich elegant aus der Affäre, indem er die Wölfin dem Freistaat Sachsen schenkte, doch der zeigte sich wenig dankbar und gab Bärbel zum Abschuss frei. Anfang November tauchte dann ein Wolf im Bramwald bei Göttingen auf und erregte die Gemüter durch einige Schafrisse. Dennoch stellte das Umweltministerium den Wolf unter Schutz und gab ihm den Namen \"Puck\". Man war stolz auf diesen Wolf, denn bekanntlich werden Wölfe nur dort heimisch, wo die Natur entsprechend intakt ist.
Am 19.1. jedoch traf Puck zur falschen Zeit am falschen Ort den falschen Menschen. Spaziergänger alarmierten einen Förster, da sie im Wald einen »Hund« an einem gerissenen Reh gesehen hätten. Der Förster schickte einen Jäger in den Wald, der sich um die Angelegenheit kümmern sollte. Was dann geschah, sah nach der Ausssage des Jägers so aus: Im Wald angekommen fand der Jäger das gerissene Reh, aber zunächst keinen Hund. Als er sich jedoch dem Reh näherte, hörte er hinter sich ein Knurren. Mit gefletschten Zähnen und gesträubten Nackenhaaren soll dann ein Schäferhund in einem Bogen um ihn herumgelaufen sein, um zu dem gerissenen Reh zu kommen. Der Jäger fürchtete um sein Leben und erschoss den vermeintlichen Schäferhund auf eine Distanz von 15 Metern. Erst hinterher stellte er fest, dass es sich nicht um einen Hund, sondern um einen Wolf handelte. Durch einen unter der Haut implantierten Chip wurde die Wölfin einen Tag später als Bärbel identifiziert.
Zu der Aussage des Jägers möchte ich nun Stellung nehmen. Jäger betrachten sich selbst als die einzigen Hüter wildbiologischen Fachwissens, das sie durch ihre angeblich so gründliche Ausbildung erworben haben. Wie kommt es dann, daß ein Jäger am hellichten Tag und auf eine Distanz von 15 Metern nicht in der Lage ist, einen Wolf von einem Schäferhund zu unterscheiden?
Aber nicht nur, daß der Jäger Wölfe nicht von Schäferhunden unterscheiden konnte, zumindest im lebenden Zustand, er hat auch keine Ahnung von hündischem Verhalten. Denn Bärbel wollte nichts anderes, als ihre Beute verteidigen. Sowohl für einen Wolf als auch für einen Hund ein völlig normales Verhalten. Aber unabhängig von der Frage ob Wolf oder Hund, stellt sich weiterhin die Frage: War der Jäger wirklich in Gefahr? War es gerechtfertigt, einen gezielten Schuss auf das Tier abzugeben? Wir wissen, daß Bärbel zum Zeitpunkt des tödlichen Schusses 15 Meter von dem Jäger entfernt war. Bekanntlich wurde Bärbel seitlich von der Kugel getroffen. Jetzt frage ich mich, wie jemand, der von einem Wolf angegriffen wird, diesem einen, wie es auf jägerlateinisch heißt »sauberen Blattschuss« verpassen kann. Ich kenne mich mit Balistik nicht besonders gut aus, vielleicht gibt es ja mittlerweile Geschosse, die um die Kurve fliegen können, wer weiß...
Ein Warnschuss, um die Wölfin zu vertreiben oder ein langsamer Rückzug aus der kritischen Zone um die Situation zu entspannen, das wären angemessene Reaktionen gewesen. So jedoch wurde das Problem, wie für Jäger üblich, mal wieder mit Waffengewalt gelöst. Dieses Beispiel steht sinnbildlich für den uralten Konflikt zwischen zweibeinigem und vierbeinigem Jäger, der letztendlich zur Ausrottung der Wölfe in Deutschland geführt hat - Jäger und Wolf begegnen sich als Nahrungskonkurrenten im Wald, wobei sich der Jäger mit Waffengewalt durchsetzt anstatt zurückzuweichen und dem Wolf seinen Beuteanteil zu gönnen.
Meine Forderungen in diesem Fall sind ganz klar:
1. Jagdscheinentzug für den Todesschützen und zwar endgültig. Ein Lodenträger, der einen Wolf bei Tageslicht und auf kurze Distanz nicht von einem Schäferhund unterscheiden kann, und obendrein auch noch viel zu schnell am Drücker ist, muss unbedingt entwaffnet werden, bevor diese gefährliche Mischung aus Inkompetenz, Ignoranz und Schießwütigkeit weiteren Schaden anrichten kann. 2. Ein sofortiges Verbot für Haustierabschüsse zum Zwecke des Jagdschutzes. Denn wäre Bärbel wirklich ein Schäferhund gewesen, hätte der Jäger laut §23 des BJG völlig legal gehandelt. Deshalb Schluss mit dem legalisierten Lustmord an unseren Haustieren!
Hier ein paar Zitate von Jägern, die ich in deren Internetforen zu dem Thema gefunden habe:
rolfsc: das einzig wahre Kaliber für Wölfe ist 20 cm Stahl mit einem kleinen Griff dran. mit messerschärfendem gruß rolf
prohunter: was wolltest du denn lieber lesen? »wolf zerfleischte kleinkind, die mutter konnte nicht mehr eingreifen« !! es gibt sicher auf dieser welt dinge , die mich »unendlich traurig« machen können, aber ein entlaufener wolf, der (aus welchen gründen auch immer)durch einen sauberen schuss und nicht durch ein auto (und so wäre es gekommen)erlegt wird, gehört nicht dazu. Dieser wolf hatte in der freien natur genausoviel verloren , wie eine autobatterie oder ein altölkanister.
Felis 938: für manchen scheinen die zeichen der zeit auf »paktieren mit jedem ökoterroristen« zu stehen....und im stillen kämmerlein wird dann den alten »guten-zeiten« nachgeweint.. die zeit der wölfe in deutschland ist vorbei...
Lindenbaum: Entschuldigung, hatte ich vergessen: Gehegewölfe werden natürlich nicht mit Großmüttern und kleinen Kinden gefüttert, sondern Tomaten, Gurken und evtl. Tofuwurst stehen auf dem täglichen Speiseplan dieser grauen Eminenz. Ach und noch was - erzählt das mal Rotkäppchen.
Das beste kommt aber noch. In einem Fernsehbericht über die Lausitzer Wölfe, gab ein Jäger, der anonym bleiben wollte, Folgendes von sich: »Ich hab hier Wald gepachtet, für den ich ca. 4000 Euro Jagdpacht im Jahr bezahlen muss. In dem Gebiet ist ja ein ziemlich guter Rotwildbestand, über den Verkauf kann ich einen Gutteil der Jagdpacht finanzieren. Sollte hier jedoch ein Wolf im Gebiet sein, würden sich diese Verhältnisse bestimmt ändern. Ich müsste mir überlegen was ich da mache. Eventuell könnte es hier abends mal knallen und dann kann keiner mehr nachweisen, was da gerade gewesen ist.«
Zusammenfassend kann man also sagen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Jägerschaft den Wolf nach wie vor nicht als Beutekonkurrenten duldet. Um dies zu rechtfertigen, werden mal wieder die alten Vorurteile geschürt, Schreckgespenster von zerfleischten Kindern an die Wand gemalt und sogar das Märchen von Rotkäppchen wieder ausgebuddelt. Tatsache ist aber, dass es keinen schriftlich dokumentierten Fall gibt, in dem ein Mensch von einem gesunden Wolf getötet wurde. Wie es umgekehrt aussieht, darauf muss ich wohl nicht näher eingehen.
Der berühmte Indianerhäuptling Chief Dan George sagte einmal: »Wenn Du mit den Tieren sprichst, sprechen sie mit Dir, und ihr werdet euch erkennen. Wenn Du nicht mit ihnen sprichst, wirst Du sie nicht erkennen, und was Du nicht kennst, fürchtest Du. Was man fürchtet, vernichtet man!«
Jäger jedoch sprechen immer nur durch ihre Waffen zu den Tieren und werden sie deshalb nie erkennen.
Der Wolf wurde von der Schutzgemeinschaft Deutsches Wild zum Tier des Jahres 2003 auserkoren - wie es aussieht leider jedoch nur auf dem Papier.
Übrigens gibt es auch eine tragische Parallele zwischen Bärbel und den im Sommer 2002 ebenfalls erschossenen Gehegewölfen im Nationalpark Bayrischer Wald - sie alle stammten ursprünglich aus dem Tierpark Lohberg in Bayern.
In dem halben Jahr, in dem Bärbel ein Leben in Freiheit genießen konnte, hat sie bewiesen, daß auch in unserer dichtbesiedelten Kulturlandschaft eine Koexistenz zwischen Mensch und Wolf möglich ist, WENN der Mensch dem Wolf eine Chance gibt und ihn am Leben lässt!
|
 |

|