Von Kurt Eicher
Wenn man es nicht selbst erlebt hätte, man könnte es kaum glauben. In der Stadt des Hölderlinturms, in der eine über 500 Jahre alte Universität steht, sind ca. 40 Höcker-Schwäne vom sogenannten »Anlagensee« von der Stadtverwaltung und der Lokalzeitung »Schwäbisches Tagblatt« zum Super-GAU hochstilisiert und damit einer gnadenlosen Hetzkampagne ausgeliefert worden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts legten die Tübinger Bürger in einer Parkanlage einen See an, der durch einen Bach gespeist und aufgestaut, sowie über den Abfuss mit dem Neckar verbunden wurde. Vor vielen Jahren etablierte sich an diesem Anlagensee eine Hilfsstation für verletzte und behinderte Höckerschwäne aus ganz Baden-Württemberg. Oft flugunfähig wurden diese im Winter (Notzeit) gefüttert. Einige gesunde Artgenossen fanden sich daraufhin ebenfalls ein und eine stolze Population dieser majestätischen Tiere konnte sich hier entwickeln.So entstand für alle Ortskenner eine heimliche »Liebschaft« zu diesem Kleinod. Jahrzehntelang pflegte ein liebevoller Stadtgärtner diese Anlage und erst nach dessen Pensionierung wurde die Versorgung dieses Sees zu einem Problem. Die Stadt Tübingen wollte den See nun wieder trockenlegen und das Grundstück veräußern und überbauen lassen. Doch dann wurden die engagierten Tübinger Tierschützer/innen auf diese Machenschaften aufmerksam und wehrten sich zunächst erfolgreich
Jetzt begann das Trauerspiel. Durch ein »Gutachten« wurde den Schwänen (wegen angeblich übermäßiger Fütterung) die vorhandene Gewässerverschmutzung, eine Seuchengefahr und die Fischbrutzerstörung ins Gefieder geschoben. Der zufließende Bach weist aber bereits eine signifikante Schadstoffbelastung auf, die nicht von Vögeln stammen kann. Eine Seuchengefährdung kann überhaupt nicht nachgewiesen werden und eine Fischbrutzerstörung ist seltsamerweise nur vom örtlichen Anglerverein auszumachen. Das Schwäbische Tagblatt bezog eindeutig Stellung und wetterte trotz mieser Argumente gegen Schwäne und Tierfreunde, so dass der Anlagensee zu »Säuberungszwecken« abgelassen wurde. Davor wurden die Schwäne gefangen und an den Neckar umgesiedelt. Schon diese »Fangaktion« entwickelte sich (lt. Vogelschutzkomitee-Präsidenten Dr. Schneider aus Göttigen) zu einer jagdrechtlich verbotenen Hetzjagd. Einige Tiere wurden dabei nicht nur verletzt, sondern viele waren danach auch wochenlang traumatisiert.
Am neuen »Domizil« ausgesetzt, musste aber eine Fütterung angeschlossen werden, da der Neckar an dieser Stelle (außerhalb der Altstadt) keine ausreichende Nahrungsmenge (im Winter) anbietet. Der Hass auf diese Tiere wurde weiterhin so lanciert, dass Unbekannte an den Futterstellen Gift verstreuten. Doch die Schwäne bemerkten dies. Mitte Dezember wurden dann von Anwohnern zwischen 4.00 und 5.00 Uhr noch ca. 25 Gewehrschüsse gehört. Die Schwanenanzahl war daraufhin reduziert, doch die Jäger waren nicht auszumachen und ein Beweis konnte nicht »gesichert« werden. Durch diese Aktion gewarnt, haben die Tübinger Tierschützer die Schwäne in der Silvesternacht bewacht und tatsächlich, kurz vor zwölf haben sich vier Fahrzeuge mit Jägern vom gegenüberliegenden Landratsamtsparkplatz unverrichteter Dinge entfernt. Dass hier ein Abschuss geplant war, wurde später noch durch einen übereifrigen Schwanengegner eher zufällig bestätigt. Die Überbauung des Anlagensees konnten die Tierschützer/-innen verhindern, doch die Zukunft dieser eleganten und graziösen Tiere ist in dieser Neckarstadt nicht gesichert.
Deshalb wurde von verschiedenen Tierschützern und Tierschutzorganisationen am 11. 1. 03 eine kleine Demo für diese grazilen Schönheiten durchgeführt.
Wie müssen Menschen beschaffen sein, die nicht einmal mehr Schwäne in ihrem Anlagensee dulden können, obwohl diese Tiere bei Wind, Wetter und Kälte weder einen warmen Platz, noch den Fernsehsessel oder die Chips beanspruchen?
Wird in Tübingen aus »Schwanensee« ein Trauerspiel? Der letzte Akt ist noch nicht geschrieben.......
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