Buchbesprechung von Dr. Karl-Heinz Loske

Wilhelm Pröhl hat über 40 Jahre als Forstunternehmer in den Wäldern der Lüneburger Heide gearbeitet und dabei immer wieder erstaunliche Unterschiede im Verhalten von Wildtieren gegenüber normalen Menschen (Spaziergänger, Waldarbeiter) und Jägern registriert. Dies inspirierte ihn dazu, seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse mit Wildtieren aufzuschreiben. Pröhl hat offenbar sein halbes Leben lang im Wald verbracht und dabei keine Waffen, sondern nur einen Fotoapparat und forsttechnisches Handwerkzeug getragen. Sein Buch ist eine Mischung aus persönlichen, mitunter anekdotenhaften Schilderungen, einer erschreckenden Foto- und Datensammlung zum Thema Jagd und sachlich begründeten Forderungen für überfällige Jagdreformen. Ob Rot- oder Schwarzwild, Füchse oder Vögel – häufig haben sich diese stark bejagten Arten dem Autor bei seiner Waldarbeit Vertrauen entgegen gebracht und sich bis auf wenige Meter genähert. Immer wieder schimmert deshalb bei Pröhl seine zentrale These durch. Das versteckte, heimliche Leben unserer Wildtiere im Wald entspricht nicht ihrem natürlichen Leben, sondern ist eine direkte Folge der Bejagung. Würde es diese Bejagung nicht geben, könnte man tagsüber sich ruhig und ohne Scheu bewegende, intakte Familienverbände unseres heimischen Schalenwildes beobachten.

Mannigfaltig sind Pröhls Erlebnisse, die er kritisch kommentiert: Da wird Rotwild mit Kraftfutter und Maissilage acht Monate lang wegen kapitaler Geweihe gemästet und nachher behauptet, ohne Bejagung nähme der Bestand überhand. Ähnliches gilt für Wildschweine: Hier wird tonnenweise und wöchentlich mit Rüben, Kartoffeln und Mais an Wildäckern gekirrt, um sich danach den Landwirten als Lösung der Sauenplage anzudienen. Sehr nachdenklich wird man auch angesichts der Erlebnisse über angeschossene Wildtiere, die sich jahrelang mit weggeschossenen oder von Fallen zerschmetterten Körperteilen durch den Wald schleppen. Hier wird deutlich, welches Tierleid sich hinter einer weit unter 50% liegenden Trefferquote verbirgt. Da ist der angeschossene Keiler, der mindestens ein Jahr lang ohne Unterkiefer und Zunge „gelebt“ hat oder der Keiler, der mehr als 15 Stunden neben seiner erschossenen Bache Totenwacht gehalten hat. Schlimm auch der jagende Pfarrer, der sich Jungkatzen beim Bauern beschafft, um sie bei der Ausbildung seiner „raubzeugscharfen“ Jagdhunde zerreisen zu lassen. Erstaunlich ist auch, dass offenbar sehr viel Wild nur abgeschossen und nicht gegessen wird, da man durch Munition „beschädigte“ Tiere gerne wegwirft, keine Lust auf das Entfernen der Eingeweide oder das mühsame Rupfen eines Fasan hat. Auch die sinkende Nachfrage nach Wildfleisch spielt hier dem Autor nach eine Rolle.

Immer wieder fühlte ich mich beim Lesen an meine eigene Kindheit erinnert: Schularbeiten machen, hinaus in die Wälder – Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Auf Tuchfühlung mit Pflanzen und Tieren. Jede Jahreszeit hat etwas zu bieten. Die Natur war in uns und wir in ihr. Der Autor zeigt, dass aus diesem von Kindesbeinen an bestehenden Dauerkontakt mit Natur und wildlebenden, fühlenden Wesen eine ganz bestimmte Grundhaltung zur Natur entstehen kann. Diese Grundhaltung führt zu einer – der Freizeitjagd diametral entgegengesetzten – neugierigen und mitfühlenden Beobachtung von Lebewesen, denen gegenüber man Respekt und Liebe empfindet.

Pröhls Hoffnung ist die junge Generation, die seines Erachtens heute keine Akzeptanz mehr für viele Auswüchse der Freizeitjagd hat. Seine auf persönlicher Erfahrung basierenden, jagdpolitischen Forderungen (z.B. Verbot der Fallen-, Haustier- und Vogeljagd, Verbot von Fütterung und Bleischrot, Kontrolle der Jäger) kann man nur unterstreichen. Sie werden seit Jahren von den meisten deutschen Naturschutzverbänden lauthals vorgebracht, ohne dass sich bisher irgendetwas geändert hätte. Es wird höchste Zeit, dass mehr solche Bücher erscheinen, damit der Jagdalltag und seine Folgen aus der Anonymität der Waldgebiete ins öffentliche Bewusstsein dringen.

Wilhelm Pröhl: Ein Forstunternehmer – Jäger, du bist hier unerwünscht.- 1. Aufl., Verlag Against Hunting, Wietzendorf.
270 Seiten, 210 Bilder, Hardcover mit Schutzumschlag, 27 Euro
ISBN 10: 3-00-019048-01 / ISBN 13: 978-3-00-019048-3
Bestellungen an den Verlag: www.against-hunting.de
e-mail: post@against-hunting.de







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