Vom Saulus zum Paulus

Der Jäger Richard Finke schloss Freundschaft mit freilebenden Wildschweinen.
Und diese Freundschaft war so stark, dass er seine Flinte an den Nagel hängte.

Frage: Herr Finke, warum sind die Wildtiere normalerweise scheu und fliehen panikartig vor dem Menschen?

Richard Finke: Seit Urmenschenzeiten haben Tiere Angst vor dem Menschen, weil er »Jagd« auf sie machte, z.B. das Mammut in spitzpfähligen Fallgräben totsteinigte usw. Alles, was schwächer war als er, hat der Mensch sich angeeignet, getötet und gefressen. Diese Erfahrung der Tiere ist in ihrem Erbgut verankert. Frischlinge hingegen, deren Mütter bereits Vertrauen zu uns hatten, waren von frühester Kindheit an von dieser positiven Erfahrung »geprägt«, nach dem Beispiel des Vertrauens ihrer Mütter.

Frage: Ist dies eine Möglichkeit, das Vertrauen zu gewinnen?

Richard Finke: Es ist eine gute Möglichkeit, wenn man Tiere schon als Kleinkind auf sich »prägen« kann durch lieben, streicheln und füttern. Unsere »Kleinsten« ließen sich sogar »lieben« und »streicheln«, ohne dass wir sie fütterten!

Frage: Herr Finke, sehen sie eine Chance für die Menschheit, dass sie eines Tages mit den Tieren in Frieden lebt?

Richard Finke: Dann dürften sich die Menschen aber nicht länger für die »Krone der Schöpfung« halten - denn die Tiere sind besser! Der Mensch sollte nicht meinen, er sei besser, nur weil ihm eine Hebamme die Nabelschnur durchschneidet und sie nicht eine Bache mit ihren Zähnen durchbeißt. Solange der Mensch sich für etwas »Besseres« hält, wird er nie »Freund« für das Tier sein. Kein Tier ist zu solchen Bestialitäten fähig wie der Mensch! Meiner Meinung nach geht eine Änderung nur über Religiösität, über das Verhältnis zu Gott.
Wenn Sie sagen, man muss die Jagd bekämpfen, dann muss man auch die Menschheit bekämpfen, damit die Tiere mehr Platz haben.
So, wie es heute auf dem blauen Stern Erde aussieht, halte ich eine »Rettung« für unmöglich. Mir blutet das Herz, wenn ich denke, wieviele »Benjamins« und »Bärchen«, »Hamsterbäckchen«,, »Pfiffigküsschen«, »Attilas« und und »Juttas« heutzutage totgeschosssen werden, nur weil eine Überpopulation uns Menschen angeblich die Nahrung schmälert.

Frage: In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Ihnen eines Tages vom Revierleiter als Geschenk ein Hirsch zum Abschuss angeboten wurde. Sie sagten darauf: »Wenn er nicht ?ne lahme Keule, einen steifen Vorderlauf und zählbare Rippen hat und sich hinstellt als wollte er sagen: `Macht Schluss mit mir, ich habe keine Freude mehr am Leben´ schieß ich ihn nicht!« - Worauf der Oberförster dann sagte, dass er mit sowas nicht aufwarten könne.
Sie waren doch jahrzehntelang Jäger, hat Sie das nicht gejuckt?


Richard Finke: Jetzt stellen Sie sich vor, da kommt eine Kugel geflogen und zerstört einen göttlichen Bauplan. Das war für mich der Grund, den guten Hirsch abzulehnen. Ich war damals vom jagdlichen Schießen schon ferner denn je, weil auch der beste Schuss die Zerstörung eines göttlichen Bauplanes ist. Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden.

Frage: Also müssen die Menschen ihre Gewohnheiten und Tradition ändern, damit wir mit den Tieren in Frieden leben können?

Richard Finke:
Ja - ich bin der Meinung, dass dieses Ziel nur zu erreichen ist, wenn die Jäger und Büchsenmacher beten und ein anderes Handwerk ausüben. Und wenn der Fleischer das auch tut. Und auch die Fischer! Ja, ich möchte doch auch nicht am Angelhaken hängen und zappeln!

Frage: Der Legende nach war Hubertus war ein leidenschaftlicher Jäger, bis Gott ihn durch einen Hirsch zur Rede stellte. Darauf schwor Hubertus der Jagd ab und tötete fortan kein Tier mehr. Aber ausgerechnet die Jäger wählten Hubertus als ihren Schutzpatron - machen aber genau das Gegenteil von dem, was Gott durch Hubertus sagte.

Richard Finke:
Das ist eine ganz große Geschmacklosigkeit! Ich habe selber 54 Jahre gejagt, aber heute muss ich sagen, dass die Hubertusmessen und all der Zauber, mit dem sich die Jäger umgeben - wie z.B. dem toten Tier noch ein grünes Zweiglein zwischen die Zähne klemmen - nur eine Tarnung des Mordes ist.




Prof. Dr. Richard Finke schloss Freundschaft mit wildlebenden Wildschweinen - der ehemalige Jäger wurde »vom Saulus zum paulus«